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Budapest

Matthias Nawrat und Alice Zeniter reisten im November 2017 nach Budapest.
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  • Matthias Nawrat
    12.11.2017

    In der Gepäckabfertigung des Liszt Ferenc Flughafens fiel mir zu allererst die mir etwas ungewohnte Art und Weise auf, wie sich die Leute kleideten. Dieser Eindruck stellt sich bei mir, so meinte ich plötzlich, jedes Mal ein, wenn ich in einem anderen europäischen Land ankomme. Sie kleideten sich hier in Budapest nicht ärmer oder reicher, nicht besser oder schlechter, nur eben etwas anders, als wäre die Mode in sich genauso differenziert wie bei uns oder anderswo, aber an sich leicht verschoben. Ich glaubte, etwas mehr Pastellfarben bei den Winterjacken der Frauen festzustellen, und etwas futuristischere Winterschuhe bei den Männern (mehrmals sah ich olivgrüne Schnürstiefel mit Sohlenunterbauten aus einem Gel-Material, wie es meiner Meinung nach erst auf dem Mars relevant sein würde.) Ich hatte mir jüngst eine Outdoor-Jacke gekauft, weswegen sich mein Blick für diese Art von Jacken in letzter Zeit geschärft hatte. Während wir auf Solveigs Koffer warteten, meinte ich, den Grund für diese Verschiebung in den europäischen Kleidungsstilen erkannt zu haben: In Ungarn gab es andere, mir nicht bekannte Marken. Das ist in Polen auch so, dort kann man in den Geschäften für Outdoor-Zubehör zum Beispiel Produkte der französischen Marke Quechua kaufen. In Rumänien hatte ich vor zwei Wochen wieder andere, mir unbekannte Marken gesehen. In vielen Bereichen der Bekleidung gibt es in Ungarn vermutlich, so dachte ich in der Gepäckabfertigung stehend, mir unbekannte Firmen, und diese stellen Produkte her, die anders aussehen als anderswo. Weshalb wir zwar alle dieselbe Hoffnung haben, gut auszusehen und vor Wind, Regen und Kälte geschützt zu sein – am Ende aber die Ungarn doch etwas anders aussehen als die Polen, und die Polen etwas anders als die Deutschen, und diese wiederum etwas anders als die Rumänen oder die Franzosen.

    In der Ankunftshalle erwarteten uns zwei junge Frauen mit einer Tafel, auf der Solveigs Name geschrieben stand. Diejenige, die die Tafel hielt, verwischte, als wir angekommen waren, Solveigs Namen mit dem Finger, wie um später sicher zu wissen, dass wir abgeholt worden waren. Während der Fahrt telefonierte unser Fahrer mit einem Handy, ein anderes hatte er links neben dem Lenkrad in eine Halterung gespannt. Rechts vom Lenkrad war ein iPad befestigt, auf dem unsere Route zu sehen war. Wenn er nicht telefonierte, konnte ich über seine Schulter sehen, wie er etwas googelte und las. Sein Fahrstil war, obwohl es regnete und die Lichter des Gegenverkehrs blendeten, sicher.

     

  • Alice Zeniter

    Flughafen

    Es ist November 2017. Ich komme am Flughafen Liszt Ferenc in Budapest an. Als ich 2008 nach Budapest zog, war es der Flughafen Ferihegy.

    Er hat seinen Namen geändert, wie etwa zwanzig andere Orte in der Hauptstadt.

    Der Moskauer Platz (Moszkva tér) wurde in Széll Kalman umbenannt. Der Roosevelt Platz ist Széchenyi Istvan geworden. Und der Platz der Republik (Köztarsasag) heißt jetzt Johannes-Paul-II-Platz. Der Oberbürgermeister von Budapest, István Tarlós, Mitglied von Fidesz, hat ebenfalls entschieden, aus Gründen, die mir weniger einleuchten, einen kleinen Platz bei der Margareteninsel in Elvis-Presley-Platz umzutaufen.

    Das Land selbst heißt seit einigen Jahren nicht mehr Republik Ungarn. Es heißt nur noch Ungarn. Das schreibt sich weniger mühsam, nehme ich an. Die Verfassung von 2011 erinnert an die christlichen Wurzeln dieses Landes, das keine Republik mehr ist, und erklärt die Heilige Krone zu seinem Symbol. Das Vorwort dieses Textes erklärt weiterhin, dass „die Familie und die Nation den wesentlichen Rahmen unseres Gemeinschaftslebens bilden, die grundlegenden Werte unserer Gemeinschaft sind Treue, Glaube und Liebe“. Als über diesen Text abgestimmt wurde, lebte ich noch in Budapest und versuchte die Nachrichten im Radio zu verfolgen. Ich musste ständig den Sinn neuer Wörter im Wörterbuch nachschlagen. So bemerkte ich, dass seit ich hier angekommen war, niemand von Treue gesprochen hatte: diesen Ausdruck hatte ich noch nie gehört. Noch heute frage ich mich, wie „die Treue“ selbst, also ohne festgelegten Bezugspunkt, einen grundlegenden Wert von überhaupt irgendetwas sein kann. Und was die Liebe angeht, und das Recht eines Staates, sie für seine Reden in Anspruch zu nehmen, so ist das wiederum ein Problem, das mein eigenes Land einige Jahre vor der Ungarischen Verfassung erschüttert hat. „Frankreich liebt man oder man verlässt es.“ Diese Worte, ursprünglich von Philippe de Villiers, wurden 2006 vom damaligen Innenminister Nicolas Sarkozy, nur leicht abgemildert, wiederaufgenommen. Sie riefen selbstverständlich allerhand Fragen auf, einige davon ganz und gar absurd: Wie wollte der Staat denn die An- oder Abwesenheit dieser Liebe nachweisen? Nach welchen Kriterien? Würde man nationale Liebestests veranlassen? Würden nur Gruppen getestet werden, die man anderer Vorlieben verdächtigt? Ab welchem Grad von Nicht-Liebe würde man gebeten werden seine Koffer zu packen? Ab dem ersten Anzeichen? Bei einer Wiederholungstat?

    Das gleiche Vorwort behauptet „die Grundlage der Stärke der Gemeinschaft und der Würde des Menschen ist die Arbeit.“ Und so kam es dazu, damit auch alle Menschen würdevoll und stark seien, dass Orbáns Regierung obligatorische Arbeitslager für Obdachlose einführte.

    Neben anderen besorgniserregenden Punkten erinnert die Verfassung von 2011 daran, dass eine Heirat nur zwischen Mann und Frau möglich ist. Sie gewährleistet das Recht auf die ordnungsgemäße Verteidigung und den Schutz des Lebens ab dem Zeitpunkt der Zeugung. Bei meinem vorletzten Besuch in Budapest waren die Wände der U-Bahn-Haltestellen mit Plakaten gegen Abtreibung beklebt. Diese Kampagne – so erfuhr ich später – war mit Europäischen Mitteln finanziert worden, in der Absicht, das Voranschreiten der Gleichberechtigung zu unterstützen.

    Dieses Mal heißt mich überall entlang der Straße, die das Taxi in schnellem Tempo Richtung Zentrum zurücklegt, das Gesicht von Soros willkommen.

     

    Wohnung

    Die Unterbringung, in der Solveig, Matthias und ich wohnen, ist typisch für Budapest. Sie befindet sich in einem dieser Gebäude, die im Karree um einen großen Innenhof herum gebaut sind und die auf jeder Etage ein schmiedeeiserner Gang umrundet. Die Wohnung hat mehrere Meter hohe Decken. Als ich noch hier lebte war es auf den Partys der Erasmus-Studenten gang und gäbe, Luftballons mit Helium zu füllen und ihnen dann dabei zuzuschauen, wie sie bis zur Decke emporstiegen, als ob sich die Gäste die Distanz bis zur Zimmerdecke greifbar machen müssten, um das Schwindelgefühl einzudämmen – oder um es zu steigern.

    Als ich nach etwa drei in Budapest verbrachten Jahren nach Paris zurückkehrte, war die Enge dort für mich unerträglich.

    Budapest ist eine Stadt, in der es – noch heute, da ich sie mit Matthias und Solveig durchstreife – Platz gibt. Überall hängen „Zu Verkaufen“- oder „Zu Vermieten“-Schilder. Bars sind manchmal hunderte Quadratmeter groß. Sie sind nie voll. Man kann dort mit dem ganzen Freundeskreis aufkreuzen.

    Erst nach meinem Wegzug wurde das Rauchen in öffentlichen Gebäuden verboten. Ich kann mich nicht an die kleinen Rauchergrüppchen auf dem Bürgersteig vor Cafés oder Restaurants gewöhnen. Sie sind in dem Stadtbild, das in meine Erinnerungen eingraviert ist, nicht enthalten und sie irritieren mich jedes Mal, wenn ich sie entdecke, wie ein Puzzleteil, das sich weigert sich mit den restlichen zusammenzufügen.

  • Matthias Nawrat
    13.11.2017

    Die Stadt

    Am Morgen holte ich mir einen Espresso in einer Espresso-Bar in unserer Straße und ging los Richtung Fluss. Am Ufer joggte ein junger Mann in neongelbem Shirt und schwarzen engen Hosen an mir vorbei. Vor einem Zebrastreifen blieb der Fahrer eines weißen SUVs stehen und winkte mich freundlich über die Straße. Vor der Kettenbrücke schaute ich die Donau entlang zu den Bergen, die außerhalb der Stadt am Horizont halb vom Nebel verdeckt zu sehen waren. Dorthin fuhren die Budapester vermutlich an den Wochenenden, dachte ich, um Sport zu machen, zu wandern, und sich zu erholen. Die reicheren unter ihnen hatten dort vielleicht Häuser. Alles ist, so dachte ich, wie in jedem anderen europäischen Land der Welt auch.

    Warum also wird hier mehrheitlich Orbán gewählt?, fragte ich mich.

    Ich unterquerte den Burgberg durch einen langen Tunnel und erreichte einen ruhigeren Stadtteil. Ich betrat einen Park und ging eine Weile darin herum.  In einiger Entfernung sah ich plötzlich eine ältere Frau in roter Jogginghose mit einem Hund an der Leine vor einem Gebüsch stehen. Der Park war bis auf uns beide leer, zwischen den Baumstämmen hing Nebel, die Geräusche der Stadt drangen gedämpft in den Park. Ich schaute der Frau im Näherkommen ins Gesicht, um sie anzulächeln und um sie zu grüßen. Aber sie schaute zu ihrem Hund vor dem Gebüsch herunter, mit einer merkwürdigen Verbissenheit in den Gesichtszügen. Ich ging in der Entfernung eines Meters an ihr vorbei, drehte meinen Kopf zu ihr. Aber sie schaute weiterhin zu ihrem Hund hinunter, sodass auch ich zu ihrem Hund hinunterschaute und im Weitergehen so tat, als hätte ich von Anfang an nur den Hund anschauen wollen.

    Tunnel am Clark Ádám tér
    © Matthias Nawrat

     

    Strukturen

    Ich weiß nichts darüber, wie das Leben hier in den Institutionen ist. In welches Netz aus Abhängigkeiten, Demütigungen oder Möglichkeiten die Menschen in diesem Land eingespannt sind. Ich urteile über das Verhalten der Frau im Park, aber ich weiß nichts über die strukturellen Bedingungen, die Ausgangslagen, die Ungerechtigkeiten, denen die Leute hier ausgesetzt sind. Ich weiß auch nichts darüber, wie sich die heutigen globalen Bedingungen und Gegebenheiten in die lokalen übersetzen. Ich muss hier in der Post nichts abschicken, keine Arbeit suchen oder ausführen, ich muss nichts beantragen, nichts mieten, keine Kinder für die Schule anmelden und dem hiesigen Lehrplan aussetzen. Ich urteile anhand meiner eigenen Lebensbedingungen, meine aber etwas Universelles einfordern zu können.

     

    Das heutige Budapest

    Am Tarasz Sevcenko tér, einem kleinen Platz in der Nähe der Donau, steht eine ehemalige Moschee mit drei kupfergrünen Kuppeln, in der heute ein Museum eingerichtet ist. Direkt gegenüber, auf der anderen Seite des Platzes, steht der Görögkatolikus Templom, eine katholische Kirche mit gelb getünchter Fassade aus der Zeit der Habsburgermonarchie. In einer der Straßen um unsere Wohnung sah ich eine Synagoge mit verstaubten, teilweise herausgeschlagenen Fenstern, mit einer löchrigen Fassade, die mit Graffitis besprüht war. In einer Straße blieb ich vor einem roten, über dreißig Jahre alten Lancia stehen. Direkt neben ihm parkte ein kaffeebrauner BMW-SUV.  Ein paar Straßen weiter kam ich an einem E-Auto an einer Steckdose vorbei. Es ist nicht mehr das 19. Jahrhundert, wie die Prunkbauten und ihr Herausgeputzt-Sein mich als Touristen Glauben machen wollen. Es sind die Zehnerjahre des 21. Jahrhunderts. Armut und Elend sind heute etwas anderes. Eine neue Form der Demokratie entsteht.

    Am Vorabend, nach unserer Ankunft in der Wohnung, hatte Alice, so erinnerte ich mich an diesem ersten Vormittag in der Stadt, erzählt, dass sie hier vor sieben Jahren, während ihrer Zeit in Budapest, mit einem englischen Regisseur am Theater gearbeitet hatte. In dieser Zeit führte Orbán Quoten für die Stellen im Kulturbereich ein. Ab diesem Moment musste ein bestimmter Prozentanteil der Stellen an ungarische Staatsbürger vergeben werden. Der englische Regisseur und Alice verloren ihre Finanzierung und konnten ihre Projekte nicht mehr machen.

     

    Nach der Lesung

    Nach unserer Lesung im Palais der Andrássy-Universität sprach mich eine Frau auf Deutsch an, um mir zum gelungenen Podiumsgespräch zu gratulieren. Sie trug ein grünes Barett, einen grünen Wollschal und einen modisch geschnittenen Mantel und war dezent geschminkt. Neben ihr am Tisch standen ihre Tochter und deren Freund, die beide schüchtern lächelten. Die Mutter begann zu erzählen, dass sie bis vor einer Woche in Budapest als Anwältin für eine österreichische Firma gearbeitet hatte. Lange Zeit habe die Firma Schwierigkeiten mit der neuen Administration unter Orbán gehabt. Bis die Firma schließlich aufgegeben habe und zurück nach Wien gegangen sei. Leider sei sie, sagte die Frau, nicht mit nach Wien übernommen worden, und so müsse sie nun eine neue Stelle suchen. Aber heutzutage bekomme man eine Stelle als Juristin nur, wenn man die neue Regierung unterstütze. Oder wenn man wenigstens so tue. Viele Schlüsselstellen seien neu besetzt worden mit Leuten, die der Fidesz-Partei treu seien oder zumindest nicht negativ auffielen. Ich kenne sehr viele Juristen, die sich anpassen mussten, weil sie Familien haben, sagte die Frau. Ich unterrichte stundenweise Deutsch, das könnte ich ausbauen und auf meinen eigentlichen Beruf verzichten, aber mit dem Deutschunterricht verdiene ich zu wenig. Die Tochter, die neben ihr stand, sagte: Du darfst dir keine Stelle als Juristin suchen. Ich hatte vorher mitbekommen, dass sie vorhatte, in Berlin zu studieren. Und wie soll ich dir das Leben in Berlin finanzieren?, fragte die Mutter. Ich werde dort einfach arbeiten, sagte die Tochter. Ihr Sohn, erzählte die Mutter, studiere in London, und ein Studium in London sei teurer als in Berlin, ihm könne sie dann auch kein Geld mehr schicken. Es sei schwer, eine solche Entscheidung zu treffen. Die Mutter lachte, und auch die Tochter lachte. Die Tochter wirkte dabei besorgter als die Mutter. Vielleicht, weil sie die Erfahrung der Mutter mit der Diktatur vor 1989 und den Jahren der Transformation nicht gemacht hatte. Für die Mutter war Orbáns Demokratie, so dachte ich in diesem Moment, nur ein weiteres neues System, in dem sie sich zurechtfinden musste. Sie verabschiedeten sich und wünschten mir alles Gute. Im Gehen sagte die Mutter, ich solle nicht so düster dreinschauen. Ihr Sohn habe nur noch ein Jahr in London vor sich, und irgendwie werde es schon gehen.

     

    Péter

    Péter, der mit uns an der Lesung in der Andrássy-Universität teilgenommen hatte, hatte während des Podiumsgesprächs über unsere Ansichten zum heutigen Europa gesagt: Ich lebe zurzeit eigentlich nicht mehr so gern in Ungarn. Es ist seit ein paar Jahren ein anderes Ungarn. Es erinnert mich viel mehr an die Zeit meiner Jugend, vor der Transformation. Später zeigte ich ihm ein Plakat, das ich am Vormittag an einer Litfaßsäule fotografiert hatte und auf dem das Gesicht von Orbán in einem Bilderrahmen zu sehen war. Orbáns Gesicht machte auf dem Plakat eine verzerrte Grimasse. Péter sagte, dass es sich bei dem Plakat um die Werbung für eine regierungskritische Nachrichtensendung handle. Weißt du, das ist aber auch so eine Geschichte, sagte er. Der Chef dieses Senders, Hír-TV, sagte Péter, ist der ehemalige beste Freund von Orbán, er heißt Simicska. Er war früher Orbáns Chef-Ideologe und unterstützte ihn mit seinem Medienimperium. Dann haben sie sich gestritten, und nun ist er gegen Orbán. Aber nicht aus politischen Gründen. Er ist einfach nur beleidigt. Das ist irgendwie, sagte Péter, sehr witzig.

    Ich stand mit ihm unten vor dem Palais, er rauchte eine zweite Zigarette. Er trug einen schwarzen Mantel und darunter ein graues, schief sitzendes Sweatshirt. Es regnete, die Lichter spiegelten sich auf dem Kopfsteinpflaster, auf der anderen Seite des Platzes ragten die Konturen von einem der riesigen Budapester Herrschaftsgebäude in den Nachthimmel. Mir schien, dass Péter, der selbst Schriftsteller war, eine ähnliche Ruhe wie die stellenlose Juristin ausstrahlte. Eine Ruhe, die von einer realen Erfahrung herkam, in der das Autoritäre nicht nur aus Büchern, Erzählungen und Nachrichten bekannt ist, wie es bei mir der Fall ist, der ich vor 89 in Polen noch ein Kind gewesen bin, sondern aus einer Verankerung in der Wirklichkeit, in der das Leben normal weiterläuft. Man arbeitet, auf den Straßen  fahren Autos, Busse, Straßenbahnen, es gibt Restaurants und Cafés, man trifft Familie und Freunde, kann mit Billigfluglinien in jede beliebige europäische Großstadt fliegen, kann übers Internet Bücher, Zeitschriften oder Zahnpasta bestellen, die Kinder gehen zur Schule oder studieren. Es ist das normale Leben im Jahr 2017. Die gleiche Ruhe wie Péter und die Juristin strahlt meine Mutter aus, wenn sie mit mir über die aktuellen Entwicklungen in Polen diskutiert und darüber so spricht, als würden die Menschen sich nun mal so verhalten, als sei das ganz normal.

  • Alice Zeniter

    Der große Saal der Andrássy Universität, in dem wir an diesem Montagabend an einer Podiumsdiskussion teilnehmen, ist ebenfalls übertrieben weitläufig. Erhellt wird er durch große Kristallkronleuchter und seine mit aufwendigen Zierleisten geschmückten Wände sind fast schmerzhaft weiß. Dort in unseren Jeans und Anoraks aufzukreuzen scheint absurd, nahezu ungehobelt. Welch komischer Gedanke, in Anbetracht dieses imperialen und mehr als ein Jahrhundert alten Luxus, nicht den Saal, sondern uns als unzeitgemäß zu empfinden.

    Saal der Andrássy Universität Budapest
    © Draskovics Ádám / Képszerkesztőség

     

    Piketty?

    Während des kleinen Umtrunks, der auf die Podiumsdiskussion folgt, diskutiere ich mit meiner Freundin Veronika, die aus Zürich, wo sie nun seit einigen Jahren lebt, angereist war und die, als ich noch in Budapest unterrichtete, erst meine Studentin und dann die Übersetzerin meines Romans Sombre Dimanche war.

    Vera und Solveig waren die einzigen Teilnehmerinnen, die an diesem Abend meinen Beiträgen ohne eine Übersetzung über Kopfhörer folgen konnten. Sie waren die einzigen die nickten oder die Stirn runzelten in dem Moment in dem ich etwas sagte und nicht einige Sekunden später. Meinerseits war ich die einzige, die Kopfhörer brauchte, um alle Wortmeldungen auf deutsch oder ungarisch zu verstehen. Ich lachte zeitversetzt über die Scherze der Referenten.

    Ein junger Mann kommt an unseren Tisch und fängt an, mir in gebrochenem Englisch von dem Buch von Piketty zu erzählen, das er, wie er mir versicherte, mehrmals gelesen habe. Die Auffassung von Europa, die Piketty vertritt, gefalle ihm sehr. Und gerade, weil dieses Europa ihm so wichtig ist, müsse man die Migranten mit allen Mitteln davon abhalten europäischen Boden zu betreten. Ich antworte ihm, dass ich den Zusammenhang nicht verstehe und dass Piketty möglicherweise das Gegenteil sagen würde. Er erwidert, dass er es ist, der Recht hat und dass es ein Kreuzzug ist.

    Vera und ich stellen unsere Gläser ab und gehen weg, ohne größere Bedenken unhöflich zu wirken. Wir erreichen den Innenhof, wo wir eine Zigarette rauchen und versuchen, uns vor dem Regen zu schützen.

    – Weißt du, die Angst vor den Migranten hier ist krankhaft geworden, sagt sie, hin- und hergerissen zwischen Lachanfall und Ekel. Vor einigen Wochen hat eine ältere Dame bei der Polizei angerufen, um eine Horde Migranten in ihrem Dorf zu melden. Letztendlich handelte es sich um katholische Priester, die sich für irgendein internationales Event versammelten. Aber ein Teil von ihnen war dunkelhäutig.

    – Und wie kann es anders sein…

    – Genau.

  • Matthias Nawrat
    14.11.2017

    Café Europa

    Beim Gespräch mit Mihály Vajda, einem 80-jährigen Philosophen, hatte ich für einen kurzen Augenblick das Gefühl, die dunkle Entität mit der Hand greifen zu können, die man vielleicht als das Volk bezeichnen kann, einen trägen, aber zu totaler Gewalt fähigen Körper, der unter den neusten Erkenntnissen und den kulturellen Errungenschaften der Ästhetik und Moral einer Zivilisation immer schlummert, in egal welchem Jahrhundert. Mihály Vajda, der als Kind den Holocaust überlebt hat, erzählte von den Plakaten, auf denen der jüdischstämmige Millionär George Soros zu sehen war. Die Plakate warnten davor, dass Soros Ungarn an liberale Investoren verkaufen und immer mehr Ausländer ins Land holen wolle, um die Ungarn zu verdrängen. Die Regierungspartei sei vor kurzem, sagte Mihály, auf die demokratische Idee gekommen, sogenannte nationale Konsultationen durchzuführen. Jeder Bürger bekomme per Post einen Fragebogen, in dem er seine Meinung kundtun könne. Die Fragen seien zum Beispiel: Sind Sie auch der Meinung, dass es nicht sein darf, dass nach Ungarn jährlich eine Million Migranten kommen, um hier zu leben und Kinder zu bekommen? Ich fragte ihn, welche Verbindlichkeit die Antworten der Leute hätten, was die Regierung mit den Antworten anstelle. Es gehe nur darum, sagte Mihály, dass in den Nachrichten gesagt werden könne, was die Bevölkerung wirklich wolle – nicht die intellektuelle Elite, sondern die eigentlichen, wahren Ungarn. Das ist die neue Demokratie, das Volk wird nach seiner Meinung gefragt, sagte er und lächelte. Ich habe diesen Brief gleich in den Müll geworfen. Ein paar Tage danach klingelte eine junge Frau von der Fidesz-Partei bei uns und fragte, ob ich den Fragebogen schon ausgefüllt und zurückgesendet hätte. Die Demokratie wird hierzulande sehr wichtig genommen.

    v.l.n.r. Alice Zeniter, Tibor Keresztury, Matthias Nawrat, Pétér Méses, Mihály Vajda.
    © Solveig Bostelmann

    Péter sagte, dass es den Fall eines älteren Mannes gegeben habe, der auf die Frage an seiner Wohnungstür, ob er den Fragebogen ausgefüllt habe, mit Nein geantwortet habe und daraufhin von den zwei jungen Männern, die ihn gefragt hatten, herumgeschubst und geschlagen worden sei. Es kam am Ende heraus, sagte Péter, dass der Mann blind war.

    Nein, mich hat keiner verprügelt, sagte Mihály. Davon weiß ich nichts. Hier in Budapest lebe ich eigentlich ganz normal. Es gibt Restaurants, Theater, Kinos, die Leute haben teuere Autos, es gibt internationale Touristen, ich kann mich mit Freunden treffen, ich kann spazieren gehen, es gibt viele Geschäfte. Es ist alles normal, ich kann schreiben und denken, was ich will. Im Internet kann ich alles lesen und veröffentlichen. Es ist nicht so, dass mir jemand etwas verbietet. Wir Intellektuellen werden in Ruhe gelassen, niemand interessiert sich für uns.

    Dass Orbán sich in seiner Heimatstadt ein riesiges Stadion bauen lässt, dass er die Straßen in Budapest umbenennen lässt nach politischen Helden der Zeit unter Horthy zwischen den Kriegen, dass er mit Putin befreundet ist, dass eine russische Firma demnächst zwei Atomkraftwerke in Ungarn bauen wird, stört die Ungarn nicht, sagte Péter. Der Feind ist heute nicht mehr Moskau, sondern Brüssel. Nicht Europa, sagte Mihály, sondern die EU, das totalitäre Regime der liberalen Bürokraten.

    Tibor, der unseren Aufenthalt organisiert hatte, wirkte abwesend, auch während des Gesprächs im Café Europa. Er schaute mich manchmal mit einem traurigen Blick an, wie von weit her. Es ist so wunderbar, dass ihr hier seid, sagte er einmal. Ich fragte Péter danach, und er sagte, dass Tibor gesundheitliche Probleme habe und dass seine Zurückhaltung vielleicht darauf zurückzuführen sei. Er rauchte viel, und mir fiel auf, dass seine Hände zitterten, wenn er eine Tasse Kaffee oder ein Glas Bier anhob. Er führte jede Bewegung mit großer Aufmerksamkeit aus, leicht verlangsamt. Nach der Veranstaltung in der Andrássy-Universität kam er zu mir und legte mir eine Hand auf die Schulter und sagte: Das war wunderbar, vielen Dank.

     

    Helsinki Committee

    András vom Helsinki Committee, einer Nichtregierungsorganisation von Anwälten, die sich für den Schutz von Menschenrechten einsetzen, erzählte uns am Nachmittag die folgende Geschichte: Ein junger Mann irgendwo in einer kleinen Stadt auf dem Land fuhr auf einem Fahrrad mit defektem Licht und wurde von der Polizei angehalten. Da seit einiger Zeit die Gesetze verschärft worden waren, weil Orbán versprochen hatte, gegen die Kriminalität auf den Straßen vorzugehen, musste der junge Mann hundert Euro Strafe zahlen. Der junge Mann war arbeitslos, weshalb er einen gemeinnützigen „Freiwilligendienst“ ableistete, in den Arbeitslose geschickt wurden – ebenfalls eine Erfindung der neuen Regierung, um die Arbeitslosen für die Gemeinschaft nutzbar zu machen und um zu verhindern, dass sie nichts zu tun hatten. Für die Ableistung dieses „Freiwilligendienstes“ wird der junge Mann monatlich mit etwa hundert Euro entlohnt, sagte András. Nun ist die Situation so, dass der junge Mann entweder die Strafe von hundert Euro zahlt, oder für einen Monat ins Gefängnis gehen muss. In diesem konkreten Fall kann der junge Mann das Geld nicht zahlen, weil er monatlich nur hundert Euro verdient. Er hat eine Frau und ein kleines Kind. Es bleibt ihm also eigentlich nichts anderes übrig, als sich dafür zu entscheiden, ins Gefängnis zu gehen. Aber seine Frau hat keinen Führerschein, und wenn er sich fürs Gefängnis entscheidet, kann niemand die Tochter in die Schule im Nachbarort fahren. Für einen Monat muss dann also die Tochter der Schule fern bleiben, was problematisch ist, denn sorgen die Eltern eines Kindes in Ungarn nicht dafür, dass ihr Kind in die Schule geht, verletzen sie ihre Elternpflicht. Der Fall gelangt ins Jugendamt, das Kind wird ihnen möglicherweise weggenommen. Der junge Mann, der ein defektes Licht an seinem Fahrrad hat, sagte András, kann also weder die Strafe zahlen, noch kann er es sich leisten, ins Gefängnis zu gehen. Die meisten Menschen, die sich in solchen Fällen an uns wenden, sind Roma. Polizisten können selbst entscheiden, wen sie auf einem Fahrrad ohne Licht oder beim Überqueren einer Straße an einer roten Ampel oder an einer Stelle, an der es keine Ampel gibt, anhalten. Hier in Budapest überquere ich andauernd die Straße, ohne auf Ampeln zu achten. Auf dem Land gibt es Hunderte Dörfer, in denen es keine Ampeln gibt, und die Leute müssen dort irgendwie über die Straße gelangen. Sowohl Roma als auch sogenannte echte Ungarn. Trotzdem sind es zu über achtzig Prozent Roma, die verhaftet werden. Man gewinnt den Eindruck, dass echte Ungarn nicht über die Straße gehen.

    Während András uns das erzählte, im Besprechungsraum einer zu Büroräumlichkeiten umfunktionierten Wohnung, lächelte er. Er drückte sich in gewähltem Englisch aus, wirkte gebildet. Zu Beginn des Treffens hatte er uns von der Hetzkampagne der Regierung gegen ihn und seine Kollegen und Kolleginnen erzählt, von den rechtlichen Hürden, die allen „ausländisch finanzierten“ Privatorganisationen seit einem halben Jahr gestellt wurden. Wir haben darüber diskutiert und beschlossen, sagte er, uns nicht, wie das von uns gefordert wird, zu registrieren, und unsere Finanzierungsquellen nicht aufzulisten. Die geforderten bürokratischen Handlungen sollen uns von der eigentlichen Arbeit abhalten. Wir sind zwanzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und haben monatlich 1600 Klienten, die meisten sind Kriegsflüchtlinge aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan, die in den Lagern an der Grenze einen Asylantrag stellen. Wir finden, dass unsere Zeit besser investiert ist, wenn wir sie für diese Menschen zur Verfügung stellen.

     

    Die jungen Dichter

    Beim Treffen mit Autorinnen und Autoren vom József Attila Kreis, der Vereinigung junger DichterInnen Ungarns, erzählte Kata, die Präsidentin, von den Problemen im Bereich des Publizierens, das insbesondere für junge, noch unbekannte Schriftsteller fast unmöglich ist. Kein Verlag habe genug Geld, um in sie zu investieren, sagte sie. Kornélia erzählte von einem MentorInnennetzwerk, das sie auf ehrenamtlicher Basis gegründet hatten und in dessen Rahmen 160 ihrer Mitglieder ohne Bezahlung SchülerInnen und junge Schreibende für ein Jahr bei ihren Projekten begleiten. Es ist eine Reaktion auf eine Initiative der Regierung, die eine Akademie gegründet hat, sagte Kornélia und klang dabei nicht wütend, sondern fokussiert und problembezogen. Diese regierungsnahe Akademie, erklärte uns Ferenc weiter, besteht aus sechzehn SchriftstellerInnen, die dreißig Studierende als MentorInnen begleiten. Die Regierung hat dafür viel Geld bereitgestellt. Als nächstes ist eine Akademie für JournalistInnen geplant, sagte er. Es ist klar, was das für den Journalismus bedeutet. Keiner von uns, sagten sie alle, verdient mit dem Schreiben Geld. Ferenc arbeitete in einem Archiv, Kornélia an der Uni. Kata hatte eine Tochter und arbeitete als Gymnasiallehrerin. Wie ist das bei Euch, könnt Ihr vom Schreiben leben?, fragte Kornélia. Ich erzählte von der deutschen Förderlandschaft für SchriftstellerInnen, von den bezahlten Lesungen, von den Stipendien. Sie nickte. Das klingt gut, sagte sie.

    Ákos, der das ganze Gespräch über still da gesessen hatte und traurig dreinschaute, erzählte mir später, als die anderen schon gegangen waren, dass er Flüchtlingskinder unterrichte, und dass seine Eltern ihn dafür ständig kritisierten. Diese Migranten, sagte sein Vater, sind noch schlimmer als die Roma oder die Juden. Ja, so ist das, sagte Ákos und lächelte mich entschuldigend an. Er zeigte mir auch ein Foto von einem Plakat, auf dem das Gesicht von George Soros zu sehen war. Auf seine Stirn hatte jemand einen Judenstern eingeritzt. Ákos suchte, während wir uns unterhielten, angestrengt nach deutschen Wörtern, er nannte seinen Vater „Vati“. Ich schämte mich auf einmal dafür, dass ich kein Wort Ungarisch sprach oder verstand.

     

    Die Bar

    Weil es unser letzter Abend war, wollte uns Péter eine Bar zeigen, die schon seit den Siebzigern existierte. Cafés, Bars und Restaurants in den Parterres beleuchteten die nächtlichen Straßen. Man erahnte Graffitis an den abgerissenen Hauswänden. Wir passierten einen Imbiss, vor dem eine Gruppe angetrunkener Mädchen und lachende Jungs standen. In einem jüdischen Restaurant aßen wir unterwegs Tscholent. Ákos blieb schüchtern. Einmal schloss er auf dem Weg zu mir auf und fragte, ob ich gern Kicker spielte. Ich selbst spiele es sehr gerne, sagte er. Dann gingen wir wieder schweigend nebeneinander. Ich spürte, dass er über allerlei sprechen wollte, dass ihm aber nicht die passenden deutschen Wörter einfielen.

    Der einzige Gast im Gewölbekeller der Bar war ein Australier, der mit der Wirtin Ungarisch sprach. Irgendwann, wir saßen bereits eine Weile an einem der Tische, kamen vier Männer die Treppe hinunter, alle vier unmöglich dick wie große Babys. Es waren, wie Péter uns erzählte, die Söhne der Wirtin. Sie kamen in Anzug und Krawatte mit Geigenkoffern von ihrem Job in einem Hotel zurück. Sie verschwanden im hinteren Bereich des Kellers, saßen dort hinter einer Ecke an einen kleinen Tisch und rauchten. Dann standen sie plötzlich direkt vor uns, einer von ihnen setzte sich ans Klavier. Sie schienen den Raum unter dem Kellergewölbe ganz auszufüllen, als sie begannen, mit Jazz und Walzer gemischte Geigen- und Klaviermusik zu spielen, offenbar nur für uns, die wir, da der Australier inzwischen gegangen war, die einzigen Gäste waren. Vielleicht spielten sie sie aber auch für ihre Mutter, die hinter der Bar immer wieder zu dem überdimensional großen Gemälde über ihr aufschaute, das das Gesicht ihres, wie uns Péter erzählte, vor über zwanzig Jahren verstorbenen Mannes zeigte.

    Die Bar.
    © Solveig Bostelmann

    Ihre vier Söhne scherzten miteinander, während sie spielten, lachten, wenn einer ein besonders albernes Thema anspielte oder ein anderer ein unerwartetes, an einer bestimmten Stelle des Stücks eigentlich nicht mögliches Melodieversatzstück anklingen ließ. Ákos bestellte bei der Mutter eine Runde Palinka für die Söhne, über den sie sich sehr freuten und sich bei uns bedankten. Die gesamte Szene wirkte klischeehaft, aber sie war doch real, sie fand ja im heutigen Budapest statt. Mir war dieses Scherzen der Musiker untereinander bekannt, die Kommunikation mithilfe von Melodiemotiven, von Zitaten. Péter hatte Tränen in den Augen, als er um elf Uhr aufstand. Er musste den letzten Zug erreichen. Ich würde gern die ganze Nacht über mit euch weiter trinken, sagte er, aber ich muss morgen einen Auftragstext schreiben. Ich muss irgendwann wieder arbeiten.

  • Alice Zeniter

    Hollywood

    Als wir die Büroräume vom Helsinki Committee verlassen, herrscht strahlender Sonnenschein und es fällt schwer nicht zu blinzeln. András hatte tiefe Augenringe, die Haut um seine Augen war dunkel und rau wie ich es nur selten gesehen hatte. Und von seinen Erzählungen von der Hartnäckigkeit der Regierung, die ein absurd repressives System einführen will, wurde mir ganz schlecht. Ich weiß nicht, ob Matthias, Solveig oder Tibor das gleiche empfunden haben, aber mir war es fast unangenehm, András Zeit zu vereinnahmen, während ich mir des massiven Arbeitspensums bewusst wurde, das die wenigen Angestellten des Komitees jeden Tag bewältigen müssen.

    Das was András in diesem Büro beschrieben hat, ist die Funktionsweise einer Diktatur, die krankhafte Störung eines paranoiden Befehlshabers. Schweren Schrittes laufen wir unter der gleißenden Sonne, die nahezu fehl am Platz scheint und als wir uns in Richtung Menza auf dem Liszt-Ferenc-Platz zum Mittagessen begeben, begegnen wir in der Fußgängerzone dem freudestrahlenden Schauspieler Daniel Brühl.

    Die Schizophrenie dieses Moments spiegelt genau die Situation wieder, in der sich Budapest aktuell befindet: eine sonnige Hauptstadt die ihre besagten „dunklen Stunden“ durchlebt, mit denen uns die französischen Politiker zu den Ohren heraushängen, die aber dennoch ein attraktives Zentrum bleibt. Die Anzahl amerikanischer oder europäischer Serien und Filme, die hier gedreht wurden, ist beeindruckend. (Vor einigen Jahren habe ich auf der Geburtstagsparty einer Freundin einmal Jeremy Irons die Tür geöffnet.) Die Straßen quellen über mit neuen Geschäften, neuen Restaurants, die die letzten, vom Sozialismus hinterlassenen Arbeiterkantinen und Secondhandläden, in denen die von Motten befallenen Pelzmäntel im 10er Pack verkauft wurden, vom Stadtplan verschwinden lassen. Auf den Terrassen stellen sich Grüppchen betrunkener Engländer und Franzosen zur Schau, die hierherkommen um ihre Junggesellenabschiede mit billigem Bier zu begießen. Die Sehenswürdigkeiten sind umringt von winzigen Mauern aus Fotoapparaten.

    Ja, und dann Daniel Brühl. Wie eine Erinnerung daran, dass dieses Land gleichzeitig Orbanistan und Hollywood sein kann.

     

    Eine alleinstehende Sprache

    Ich habe viel Schlechtes über die Verfassung von 2011 gesagt. Und es ist zweifellos ein Problem – wie es Péter schon bei der Podiumsdiskussion an der Andrássy Universität unterstrichen hatte – dass diese Autoren-Europareise in Wirklichkeit eine Krisenschau der Union, mit einer sorgsam erstellten Länderauswahl, ist. Wir starten mit Vorbehalt beladen in die Zerlegung eines Körpers der von vornherein als dysfunktional erklärt wurde, und sei es aus Gründen der Nähe mit den benachbarten Körpern auf der Liste (Serbien, England, etc.). Ganz unmöglich also, dort einfach nur rumzuspazieren und mit neugierigem Blick die Straßenkulissen zu bewundern. Selbst mir fällt es hier schwer auszumachen, warum ich Ungarn so geliebt habe. Alles missfällt angesichts der Dringlichkeit auszusprechen, dass es dem Land schlecht geht. Ich sehe, dass dieser Körper dysfunktional ist. Nicht nur was das konfliktreiche Verhältnis zur EU betrifft (ich selbst habe, wenn ich nichts Besseres zu tun habe, ein konfliktreiches Verhältnis zur EU), sondern in vielerlei Hinsicht: Zensur der Presse, Antisemitismus, Homophobie, überspitzte Vetternwirtschaft, etc. Da sind die Augenringe von András. Das Grinsen von Soros auf den Plakaten. Da ist die traurige Erschöpfung – ganz ohne Schwarzseherei – der jungen Schriftsteller des Attila József Kreises. Wie kann man diesen widerlichen Überschwang der Orban-Maschine nicht ansprechen wollen?

    Und doch sollte man auch den Rest ansprechen. Ich werde nicht die Zeit haben, über alles zu reden. Aber da ich bereits davon angefangen habe, kommen wir noch einmal auf die Verfassung zurück, und vor allem, kommen wir auf die jungen ungarischen Schriftsteller zurück. Ungarisch ist eine alleinstehende Sprache erklärt der Text von 2011, und muss als solche geschützt werden. Die ungarische Sprache ist eine Insel (Ungarn ist ein Land ohne Meere und eine Insel, je nach Blickwinkel), inmitten der Länder mit slawischer und romanischer Sprache. Ungarisch ist auch eine agglutinierende Sprache, eine Sprache mit mehr als zwanzig verschiedenen grammatikalischen Fällen. Eine Sprache von solch urkomischer Undurchdringlichkeit, für jene, die sie nie gelernt haben – weil sie nichts Bekanntem ähnelt, weder dem Anschein, noch dem Klang nach.

    Ungarisch ist eine Sprache, die nicht einmal zehn Millionen Sprecher hat und das Schreiben auf Ungarisch eine brotlose Kunst, da die Zahl der Leser so stark reduziert ist. Und dennoch, die Schriftsteller, die wir am Ende unseres Aufenthaltes kennengelernt haben, jene, die uns erklärt haben, wie die Regierung ihnen nach und nach die Subventionen entzieht, während Millionen in eine neue, eigens von ihr errichtete Institution gesteckt werden, die hörige Schriftsteller und Journalisten ausbildet, jene, deren Erzählungen uns anregten – man muss es schon zugeben – ein Maß Bier nach dem anderen zu trinken, obwohl es erst 15 Uhr war, jene jungen Männer und Frauen mit dem traurigen Lächeln scheiben nicht nur, sie haben auch einen Verlag gegründet, sie bieten ein Tutorenprogramm für Schriftstelleranwärter und Treffen im Sommer an, während derer sie sich austauschen und immer weiter lernen können. Sie leben in ihrer alleinstehenden Sprache, von ihr abgeschirmt und sie schützend, verketten geduldig all ihre Suffixe und Präfixe in ihren Stücken, ihren Gedichten, ihren Romanen und als wir sie fragen, ob sie vom Schreiben leben könnten – in dem Sinne wie ich es verstehe, das heißt im finanziellen Sinne – antworten sie mit ja, weil sie nur davon leben und es keine andere Antwort gibt, auch wenn sie Kellner, Lehrer, Werbetreibende oder Angestellte einer NGO sind.

  • Matthias Nawrat
    15.11.2017

    Rückfahrt

    Diese meine ungarischen Altersgenossen zu sehen, so dachte ich am Morgen unserer Abreise, ihren Optimismus zu spüren, einen grimmigen, wachen Optimismus, die Offenheit zu sehen, mit der sie uns begegneten und mit uns sprachen, nach unseren Ansichten und Erfahrungen fragten, weil sie für sich selbst, für ihre Situation, nach Lösungen suchten, hatte mich berührt und  mich ganz für sie eingenommen.

    Auf der Fahrt vom Stadtzentrum zum Flughafen sah ich jetzt plötzlich alle paar hundert Meter die riesigen Plakate mit dem Gesicht von Soros zwischen den Werbetafeln am Straßenrand. Unter seinem Gesicht stand, wie mir Alice übersetzte: „Willst du das wirklich zulassen, ohne deine Stimme zu erheben?“ Am Flughafen kaufte ich einen Kühlschrankmagnet mit den Wahrzeichen der Stadt. Wir tranken einen Kaffee in einem Coffee Fellows. Sicherheitskontrolle. Ein verwinkelter, labyrinthischer Duty-Free-Bereich. Parfüm-, Bekleidungs- und Schmuckboutiquen. Ein Nike-Geschäft, ein Victorias-Secret-Geschäft, ein Burger King. Ich belauschte, während wir auf Ledersitzen in der Wartehalle saßen, drei auf Polnisch sprechende Männer, die in unserem Rücken saßen und darüber sprachen, dass ihr Produkt hier ganz sicher gut ankommen werde, was sie, wie es schien, aus den Gesprächen ableiteten, die sie hier in den letzten Tagen offenbar geführt hatten.

    Mit uns saßen in den Reihen von schwarzen Stühlen junge Leute, Kinder, ältere Damen. Direkt neben uns verkauften zwei Frauen an einem Stand ungarische Pralinen. In der Mitte der Wartehalle war auf einem Podest hinter einer Absperrung ein SUV aufgestellt, den man bei einem Gewinnspiel gewinnen konnte. Wir befanden uns in einem normalen europäischen Land. Und doch fühlte ich mich gezwungen, von Ungarn als Ungarn zu denken, nicht einfach als von einer der Regionen in Europa oder auf der Welt. Ich fühlte mich genötigt, mich selbst als jemanden zu begreifen, der von woanders herkam und dorthin zurückkehrte. Alles schien sich in Kategorien zu fügen. Die Herausforderung war es, sich gegen diese Kategorien zu stemmen und an Péter und Tibor, an András vom Helsinki Committee, an Kata, Ferenc, Ákos und Kornélia vom József Attila Kreis nicht als Ungarn, sondern als eigenständige Personen zu denken.

     

    Europa

    András hatte seine Erzählung im Besprechungsraum des Helsinki Committee mit dem folgenden Beispiel beendet: In einem Dorf, in dem viele Nachfahren deutschsprechender Donau-Schwaben lebten, sei er zu einer Podiumsdiskussion mit den Dorfbewohnern, dem Bürgermeister, dem lokalen Priester und dem lokalen Fidesz-Politiker eingeladen gewesen. Die Leute hätten ihn gefragt, wie er sich für diese MigrantInnen einsetzen könne, die millionenweise nach Ungarn strömten. Er habe versucht zu erklären, dass fast alle Zufluchtssuchenden Ungarn verließen, sobald es ihnen möglich sei, weil sie hier so gut wie keine Integrationshilfe bekämen und monatelang in Flüchtlingslagern warten müssten. Einer der Dorfbewohner habe gesagt, dass diese Leute doch Fremde seien. Da sei überraschenderweise der Fidesz-Politiker aufgestanden und habe darauf hingewiesen, dass die meisten Leute in dem Dorf inklusive dem Fragenden von Donau-Schwaben abstammten und ihre Vorfahren also irgendwann in Ungarn auch fremd gewesen seien. Der Fragende habe überrascht gewirkt und habe sich nachdenklich gesetzt. Die Leute wüssten wenig und hätten Fragen, auf die man eingehen müsse, sagte András. Am Ende des Abends seien viele der DorfbewohnerInnen schockiert gewesen, wie schlecht Asylsuchende in Ungarn behandelt würden. Ein solcher Abend, sagte András, sei natürlich eine Ausnahme, aber er konzentriere sich auf solche Erfolgserlebnisse, um weitermachen zu können.

    Kurz vor dem Abflug dachte ich an etwas, was Kornélia am Vortag gesagt hatte. Erst kürzlich sei herausgekommen, dass einer der Mentoren der neuen regierungsnahen Schreibakademie ein bekannter Schriftsteller sei, um den es Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gebe. Der József Attila Kreis habe beschlossen, die Problematik der Genderfragen im eigenen Netzwerk aktiv zu thematisieren, denn man müsse sich zunächst selbst ins Bewusstsein dieser Probleme setzen. Für einen kurzen Moment hatte ich das Gefühl, zu wissen, was Europa war. Die Diffusion von Gedanken kann heute niemand so leicht an Landesgrenzen stoppen. Das ist zum Teil ein Problem, denn auch Nationalisten und Faschisten kommunizieren über Ländergrenzen hinweg, schaffen europäische Allianzen. Genauso aber werden in Europa Allianzen von toleranten, differenziert denkenden, menschenfreundlichen Menschen geschaffen.

     

    Das Tagebuch von Matthias Nawrat übersetzte Stéphanie Lux ins Französische, das von Alice Zeniter übertug Paula Rauhut ins Deutsche.

Portrait Matthias Nawrat: © Lorena Simmel, Portrait Alice Zeniter: © Clément Camar-Mercier
Übersetzung FR -> DE: Paula Rauhut, Traduction DE -> FR: Stéphanie Lux