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Kiew

Kiew zu zweit. Ein gekreuztes Tagebuch von Anne Weber und Cécile Wajsbrot.
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  • Anne Weber
    18.10.2017

    Den Fahrer, der uns vom Flughafen abholt („Igor, doesn’t speak english“), erkennen wir an dem Schild in seiner Hand. Wechselseitiges Erkennen mit den Augen, kein Lächeln, kein Gruß, schon schnappt er sich die beiden Köfferchen und eilt im Sturmschritt davon, wir ihm hinterher. Nach ein paar Schritten bleibt er noch einmal stehen, greift zu seinem Mobiltelefon, wählt eine Nummer und hält es uns hin ohne ein Wort. Cécile nimmt es — ich bin zu begriffsstutzig —, und bevor sich noch jemand (wer?) gemeldet hat am anderen Ende — d. h., ein „Ende“ gibt es nicht mehr —, stürzt er schon weiter mit unserem Gepäck. Ihm nacheilend spricht Cécile neben mir leise in sein Handy.

    Er fährt schnell, ohne zu rasen, und schafft es, trotz seiner grimmigen Art nicht unfreundlich zu wirken. Die Eile hilft ihm, seine Sprachlosigkeit, unsere gemeinsame Sprachlosigkeit zu überspielen oder hinter sich zu lassen. Komik dieser ungewollten Rabiatheit.

  • Cécile Wajsbrot

    Ein Abend in einer Stadt, Kiew, die mir unbekannt ist, ein weites, zu erkundendes Gebiet. Der erste Blickfang sind die Bushaltestellen am Rand der Autobahn. Auf Anhieb eine verschwommene Wahrnehmung. Es ist tatsächlich eine Autobahn, doch stehen Menschen da und warten, dass der Bus kommt und sie ins Zentrum oder zu den gewaltigen, zwanzig- oder dreißigstöckigen Hochhäusern fährt, die aneinander gedrängt merkwürdige Berge bilden.  Dann kommt das Hotel, ein weißes Oval auf Pfeilern, an dem ganz oben runde Fensterluken sitzen, ein vervielfachtes Auge, das aus einem Science-Fiction-Film aus den 50er Jahren stammen könnte.

    Hotel Salute
    © Anne Weber

    Vom Zimmer aus der Blick auf die goldene Kuppel einer orthodoxen Kirche und zwei hohe Silhouetten, das Denkmal zur Erinnerung an die große Hungersnot der 30er Jahre und die Mutter-Heimat-Statue. Der Dnjepr glänzt in der Ferne. Ein kurzer Spaziergang auf der breiten, dunklen Straße, ein erstes ukrainisches Essen mit Anne, meiner Gefährtin bei diesem Abenteuer, und Nelia, die diesen Aufenthalt zusammen mit Thorsten aus Berlin organisiert hat.

    Mutter-Heimat-Statue
    © Anne Weber

  • Anne Weber
    19.10.2017

    Heute im World War II Museum einen Brief gesehen und gelesen, den eine „Lida“ aus Auschwitz geschrieben hat.

    Auschwitz, den [bis hierhin vorgedruckt] „19. XII.1943

    Meine Liebsten Eltern und Familie! Lebensmittelsendungen und Briefe (den letzten vom 4. XII. 1943) habe ich bekommen. Ich danke sehr und freue mich daß alles zu Hause in Ordnung ist und Sie gesund sind. Für Grüße Darcia und Marusia danke. Arbeitet weiter Kousine Ducia im Magasin der chemischen Wäscherei? Ist gut, daß auch ihre Schwester gute Arbeit haben. Wie fühlt sich Tante Matiola? Ich bin unberuhigt um Sie. Um mich seien Sie beruhigt, denn ich bin gesund, stark, leide keinen Zahnschmerz und fühle mich gut. Es freut mich, daß wie Sie geschrieben haben, passen Sie auf Ihre Gesundheit auf. Sie wissen daß für uns eine Sie der größte Schatz. Heute, bei Namenstag des Vaters wünsche ich alles Bestens, viel Kraft und Gesundheit. Zu Weihnachten und Neujahr sende ich der ganzen Familie herzlichste Wünsche: Gottesobhut, Glück und [?].

    Ich küsse Sie und grüsse alle Bekannten

    Eure Lida“

    © Anne Weber

    Und jetzt weiter mit Erlebnissen, Begegnungen, Sehenswürdigkeiten? „Das Leben geht weiter“?

    Das Hotel ist ein sowjetisch-modernistischer Ovalbau aus den 70er Jahren, der von innen aussieht wie bei meiner Großmutter (wie ich mir vorstelle, dass es bei meiner Großmutter ausgesehen haben könnte). Zum Maidan gehen wir einen Umweg, weil am Parlament demonstriert wird und das Gebiet gesperrt ist. Wir sehen rotschwarze Fahnen und viel Militär. Rechtsradikale Demonstranten, bekommen wir erklärt. Demonstrieren sie gegen Korruption? So steht es bei uns in den Zeitungen. Zögerliches Abwägen, Lächeln, Schulterzucken. Ach je, wer weiß das schon so genau, was die wollen. Saakaschwili, der langjährige Präsident Georgiens, der danach seltsamerweise Gouverneur des Oblast Odessa geworden ist (ich stelle mir vor, Angela Merkel würde nach ihrer langjährigen Amtszeit auf einmal nach Frankreich auswandern, die französische Staatsbürgerschaft annehmen und Oberbürgermeisterin von Marseille werden), sei auf der Seite dieser Demonstranten. Seit er für Poroschenko zu unbequem geworden sei, habe dieser ihm die ukrainische Staatsangehörigkeit wieder aberkannt. Als der staatenlos gewordene Saakaschwili im September diesen Jahres mit dem Zug von Polen aus in die Ukraine zurückkehren wollte, sei sein Zug, dann das Auto, in das er umstieg, an der Grenze blockiert worden. Stundenlang. Ein paar Abgeordnete hätten ihm dann Geleitschutz gegeben, und er hätte die Grenze schließlich zu Fuß überwunden. Davon und von den gegenwärtigen Demonstrationen erzählen uns Halyna und Nelia mit einem amüsierten Gesichtsausdruck, als sei das alles nicht so ernstzunehmen und die politischen Verhältnisse eher belächelnswert. Später, als ich im Internet etwas über Saakaschwili herausfinden will, lese ich, sein ältester Sohn halte den Weltrekord im Geschwindigkeitsschreiben auf einem iPad.

    Niemand lächelt mehr, wenn es um den Krieg im Osten des Landes geht. Jeden Tag gibt es weiterhin Tote. Bei uns redet keiner mehr davon, die Zeitungen schreiben über anderes. Nur was sich verändert, ist von Interesse. Für die Medien sind Dauerkriege inexistent. Später werden wir noch jemanden sprechen, dessen Eltern in der Krim leben. Er wird uns erzählen, dass er sie manchmal besuchen fährt und wie schwierig das ist. Bis an die provisorische Grenze mit dem Zug. Dann zu Fuß über die Grenze oder Umsteigen in ein Auto, was sich die Fahrer teuer bezahlen lassen. Sein Name soll hier vorsichtshalber nicht genannt werden; man sagte mir, das brächte ihn unter Umständen in Gefahr.

  • Cécile Wajsbrot

    Der Komplex des Lawra-Klosters, geführt von Halyna. Goldene, frisch restaurierte Kuppeln, das unebene, frisch restaurierte Kopfsteinpflaster, die Bäume in Herbstfarben und die Wege, die hinunter in Richtung Fluss führen. Unmöglich, dem Gedächtnis auszuweichen in der Ukraine. Das Land, dessen junge Unabhängigkeit nur sechsundzwanzig Jahre zurückliegt, ist fortwährend an die Vergangenheit gebunden. Die Religion, die Wurzeln, das Territorium, das sich immerhin einst Polen und Litauen, dann die Österreichisch-Ungarische Monarchie und schließlich Russland streitig gemacht haben. Die Krim und der Donbass sind zwei Stachel, die ständig den ukrainischen Leib verletzen. Die orthodoxe Kirche ist aufgeteilt in das Moskauer und das Kiewer Patriarchat, und in dem riesigen Museum des Zweiten Weltkriegs ist der dem Widerstand gewidmete Saal zweigeteilt, links die Sowjets, rechts die Ukrainer. Als würde sich die Ukraine rückwirkend von der Sowjetunion abtrennen. Diese Vergangenheit soll nicht mehr ihre sein. Oder nur als Opfer der von Stalin organisierten Hungersnot — Holodomor, wörtlich: Ausrottung durch Hunger. Jüngst ist eine Studie über den Einfluss dieser Zeit schrecklicher Entbehrungen auf heutiges Essverhalten erschienen, die Neigung, Vorräte anzulegen, seinen Teller leer zu essen; das Denkmal ist erst 2008 erbaut. Es sind die Namen und die Existenzen — die Schicksale —, die einen übermannen in diesem Kriegsmuseum. Als müsste man sich zählen, die Namen und die Leben benennen, um als Land endlich zu existieren.

    Natürlich ist am Abend in dem Viertel um das Goldene Tor und in der Jaroslawiw-Wal-Straße der Zugang zum Internet einfach, ein Passwort braucht man nicht und die MacBooks sind die gleichen wie in Paris oder Berlin. In einem vegetarischen Restaurant machen wir Bekanntschaft mit Mark Byelorusets, der Celan und Herta Müller ins Russische übersetzt hat, und seiner Frau Alla Zamanskaya, die als Erste in der unabhängigen Ukraine Warten auf Godot auf die Bühne gebracht hat. Er ist unglaublich gebildet und es gehen ihm nie die Anekdoten aus; mit ihr spreche ich in meinem Schein-Russisch über Marina Zwetajewa — denn das Russische ist für mich zutiefst mit ihrer Dichtung verbunden, doch hier ist es, auch wenn viele Russischsprachige hier leben, oft die Sprache des Feindes.

  • Anne Weber

    Am Abend essen wir mit Mark Byelorusets und seiner Frau Alla, die Theaterregisseurin ist. Mark und seine Frau werden wir an drei Abenden sehen. Mark ist klein, alt, sehr schmächtig, äußerst lebhaft, spricht ein sehr gebrochenes, sehr schönes Deutsch. Von Nelia wissen wir, dass er als Jude unter dem sowjetischen Regime keine Geisteswissenschaften studieren durfte und deshalb jahrzehntelang als Bauingenieur gearbeitet hat, bevor er erst in den letzten Jahren seiner eigentlichen Leidenschaft nachgehen und unter anderem Celan ins Russische übersetzen konnte. Er hat eine sehr eigene Gestik, legt beim Sprechen die eine Hand an die Stirn, bedeckt sich die nach vorne geneigte Stirn und einen Teil des Gesichts damit und kneift, wenn er überlegt — also sehr häufig —, die Augen zusammen. Alla wirkt wesentlich jünger, sie ist blond und weich und verschmitzt. Die beiden berühren einander oft beiläufig, streifen einander mit dem Arm oder auch nur mit einem Finger. Wie schön sie sich lieben! Dankbarkeit, dass man dieser Liebe für Augenblicke „beiwohnen“ darf.

    Alla erzählt eine Fabel: Eine Frau kocht sehr gut, alle sind immer entzückt von ihrem Essen. Nach ihrem Tod kocht die Tochter ihre Rezepte nach, aber es schmeckt den Leuten nicht besonders. „Warum seid ihr nicht entzückt?“ fragt sie (besonders schöne Stelle der Erzählung). Sie beschließt, in einer spiritistischen Sitzung den Geist der Mutter zu beschwören und diese zu fragen, was sie denn falsch mache. Die Mutter erscheint ihr und sagt: „Du machst das schon alles richtig, nur musst du den Leuten immer etwas zu wenig geben, sie dürfen nicht satt werden.“ Mit dieser Fabel werde die Ukraine beschrieben. Oder habe ich das nur so verstanden?

  • Cécile Wajsbrot
    20.10.2017

    Das Wetter ist immer noch schön, ein Sommerende, das sich lange hinzieht. Das Sophienkloster ist ein Hort der Ruhe und die Kathedrale eine Pracht mit ihren grünen und goldenen Kuppeln, ihren byzantinischen Mosaiken. Welche Worte könnten eine Vorstellung von der andächtigen Atmosphäre orthodoxer Kirchen geben — sogar der größten unter ihnen? Das wenige Licht lädt zum Gebet ein, zum Rückzug in das eigene Innere. Zudem enthält diese Kirche eine andere, Sankt-Michael, die unter Stalin zerstört wurde, einem offiziellen Gebäude weichen musste und schließlich nach der Unabhängigkeitserklärung wieder aufgebaut wurde. Mosaiken und Fresken konnten gerettet werden und lagern nun in der nahen Kathedrale. Sankt-Michael ist nicht weit vom Maidan entfernt, und an einem Abend während der Revolution klopften in die Enge getriebene Demonstranten an der Tür des Klosters — die, eingelassen in diese lange weiße Mauer, winzig scheint. Die Mönche öffneten ihnen und verschlossen sie dann vor den Polizisten. Oberhalb des Maidan — jenes langen Platzes, der 2013 zum Symbol wurde und von der Chreschtschatyk, eine der schönsten Straßen Kiews durchquert wird — erinnern Fotos an die Toten dieser Revolution. In der Ukraine scheint die Fotografie die Kunst der Totenzählung zu sein.

    Chreschtschatyk
    © Cécile Wajsbrot

    Wir treffen Maria, eine Bibliothekarin im Goethe-Institut, zu einem Auf-und-Ab-Spaziergang — Kiew ist eine Hügelstadt — durch das Podil-Viertel mit seinen bunten Häuschen, früher ein armes Viertel mit engen Gassen — die fürstliche Stadt war auf der Anhöhe errichtet worden —, das heute ein Lieblingsviertel der Künstler geworden ist. Wie viele Menschen in Kiew sind woanders her gekommen? Von der Krim, dem Donbass, manche schon vor der Annexion oder dem Krieg, andere dann geflüchtet, mit ihrer Familie oder jemanden zurücklassend. Es gibt heute keinerlei Flugverbindungen mehr zwischen der Ukraine und Russland. Von Kiew nach Sebastopol fährt kein Zug mehr — man muss vor der Grenze aussteigen und einen Bus nehmen. Und beim Telefonieren muss man die russische Vorwahl wählen.

    © Anne Weber

    Nach dem Mittagessen im Selbstbedienungslokal Puzata Hata — wo die Gerichte ausliegen, die meine Großmutter unter anderen Namen zubereitete, Palmeni und Wareniki statt Kreplach, Bramboracka statt Latkes, nur der Borschtsch heißt in allen Ländern Borschtsch — gehen wir ins Tschernobyl-Museum. Ein Nebenfluss des am Fuße dieses Hügels fließenden Dnjepr ist der Prypjat, an dem das Kraftwerk und der — nun Geisterstadt gewordene — Ort desselben Namens liegt, dessen kurzem — sechzehn Jahre langem — Leben einer der Säle des Museums gewidmet ist. Die Funktionsweise des Kraftwerks, die weißen Uniformen der mit den ersten Notmaßnahmen Betrauten, die ungeeignete Kleidung der Feuerwehrmänner und immer wieder Fotos der an diese seltsame Front Geschickten, alles ist da, erhellt von den Erklärungen einer großartigen Führerin. Am Ende des Wegs die Solidaritätserklärungen der Japaner noch aus der Zeit vor Fukushima. Und eine Karte, auf der die noch funktionierenden Atomkraftwerke aufleuchten. Viele davon in Frankreich natürlich; und zugleich zeigt die Bildschirm-Animation, wie die Tschernobyl-Wolke sich ausbreitete, und beweist, dass diese keineswegs Frankreich verschont hat, wie öffentliche Beteuerungen es damals glauben machen wollten und wie es viele französische Besucher offenbar auch heute noch glauben. Tschernobyl — hundert Kilometer von Kiew entfernt. Zahlreiche Einwohner von Prypjat wurden in die Hauptstadt evakuiert. Mehrere Hunderte sind wieder in die verbotene Zone zurückgezogen — alte Frauen vor allem, die ihr Leben zu Hause beenden wollten. Beim Betrachten der hintereinander aufgehängten Ortsschilder fortan verbotener Städte und Dörfer, deren Rückseite mit den durchgestrichenen Ortsnamen beim Herausgehen zu sehen sind, fiel mir das während des Ersten Weltkriegs zerstörte Dorf Fleury ein, das unterhalb des Beinhauses von Douaumont liegt und das von einem Wald überwuchert ist, dessen Wege die ehemaligen Straßennamen tragen, und ich musste an die Zeugenberichte denken, die Swetlana Alexijewitsch in ihrem schönen Buch über Tschernobyl gesammelt hat — es ist ein Krieg, bei dem der Feind unsichtbar ist.

  • Anne Weber

    Tschernobyl-Museum. Als Cécile im Museum niesen musste und die Ukrainerin, die die Führung machte, auf Deutsch „Gesundheit“ sagte (und beim zweiten Mal: „und Schönheit“).

    Besonders erschreckend die Filmaufnahmen von den Tagen nach der Katastrophe, noch bei der 1. Mai-Feier (der Unfall passiert am 26. April). Die Unbeschwertheit. Die fröhlichen, ahnungslosen Gesichter. Ohne jeden Schutz sind die Leute auf den Straßen unterwegs. Später frage ich mich, ob diese unbeschwerten Gesichter nicht gewissermaßen unsere eigenen sind und wir ebenfalls das Gefährliche, Bedrohliche, was uns umgibt, nicht spüren oder ignorieren.

    Am späten Abend dann vom Hotelfenster aus eine Rötung am Horizont gesehen (Sonne längst untergegangen). Brennt der Reaktor wieder? Nachts wachliegend höre ich die ganze Zeit durch das offene Fenster ein lautes, monotones Brummen wie von einem Stromgenerator. Nach dem Einschlafen ein Alptraum. Einer jener immer wiederkehrenden Träume vom Irgendwo-dringend-Hinmüssen-aber-nicht-Können; meine Beine gehorchen nicht. Als wären sie tonnenschwer oder als stünde ich bis zur Hüfte in dickem Schlamm. Zwischendurch aufstehen (im Wachzustand geht’s) und den Vorhang beiseiteschieben: Das rötliche Glimmen am Horizont ist immer noch da. In welcher Richtung liegt eigentlich Tschnernobyl? Luftlinie keine 100 km.

  • Anne Weber
    21.10.2017

    Zufällig am Staatlichen Kunstmuseum vorbeigegangen und hineingegangen. Selbstporträt des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko (1814-1861), der auch Maler war. Geboren als Leibeigener, lese ich später, und irgendwann von reichen Freunden freigekauft. Verbannung, Zuchthaus, Schreibverbot.

    Vor dem Selbstporträt, das ein erstaunlich schönes Bild zu sein scheint, ist eine dicke Metallstange befestigt, die das Gesicht halb verdeckt. Auf einem Zettelchen wird erklärt, dass es sich hierbei um die Arbeit eines zeitgenössischen Künstlers handelt, der auf die schwierigen Lebensbedingungen Behinderter in der Ukraine aufmerksam machen will. Ich streite mich (nicht ernsthaft) mit Thorsten, weil ich das Bild sehr gerne ganz sehen würde und derartige Aktionen reichlich bescheuert finde. An mehreren Stellen des Museums sind solche Metallstangen auch unauffällig am Boden befestigt, wahrscheinlich, damit die Museumsbesucher auf die Nase fallen, sich die Knochen brechen und selbst behindert werden.

    Ein Pole und ein Kosak auf einem Gemälde im Nationalen Kunstmuseum der Ukraine.
    © Anne Weber

    Nachmittags Babyn Jar. Das Wetter war bis jetzt sehr milde; heute ist es kalt geworden. Die U-Bahn führt direkt auf das Gelände, das sich nach allen Himmelsrichtungen zu erstrecken und nicht eingrenzbar zu sein scheint. Es stehen darauf ein riesiger Funkturm; der Sitz des ukrainischen staatlichen Fernsehsenders, der einer Industrie-Ruine gleicht; das Verwaltungsgebäude des ehemaligen jüdischen Friedhofs (das einzige Gebäude, das übriggeblieben ist aus der Kriegszeit) und ca. dreißig verschiedene Denkmäler, von denen jedes einer bestimmten Opfergruppe zu gedenken scheint. Auf ein Denkmal, das allen während des 2. Weltkriegs in Babyn Jar Ermordeten gewidmet wäre, hat man sich nie einigen können. Auf dem ersten, fünfunddreißig Jahre später errichteten Denkmal werden die Opfer nur als „friedliche Sowjetbürgern“ bezeichnet. Von unserem Führer (seltsames Wort in dem Zusammenhang) erfahren wir, dass der tiefe Graben, in dem die Überreste von Zehntausenden liegen, nach dem Krieg durch einen Damm abgesperrt und mit dem Schlamm einer benachbarten Ziegelei aufgefüllt wurde. 1961 brach der Damm und der mit Gebeinen durchsetzte Schlamm begrub viele Anlieger unter sich, von denen ca. tausend starben. Das ist die Rache der Toten, hätte damals die Kiewer Bevölkerung gedacht, und ich denke es heute auch. Wie sich an vielen Orten die umgeschlagenen und später im Straßen- oder Häuserbau verwendeten jüdischen Grabsteine unerkannt in einer ganzen Stadt verteilen und schließlich nicht mehr daraus zu entfernen sind, sind hier die Gebeine der Ermordeten — das, was nach den Vertuschungs- und Verbrennungsaktionen der deutschen Sonderkommandos angesichts des Vormarschs der Roten Armee 1943 von ihnen übrig geblieben war — aus ihrem Massengrab ausgebrochen.

    Ein kleines Fußballfeld liegt ebenfalls auf dem Gelände; ein paar Leute lungern darauf herum. Auch hier wieder, wie an anderer Stelle schon, eine Art Grundstein zu einem jüdischen Gedenkzentrum, das nie zustande gekommen ist und auch in Zukunft wohl nicht zustande kommen wird, erklärt uns Mykhaylo Tyahlyy, zumal dies hier ein Friedhof sei und es der jüdische Glaube verbiete, auf heiliger Erde zu bauen.

  • Cécile Wajsbrot

    Die Metro und ihre endlosen, bis in große Tiefe hinabtauchenden oder den Eingeweiden entsteigenden Rolltreppen, deren betäubender Lärm jedes Gespräch unmöglich macht, bringen mich zum Sitz des staatlichen Radiosenders, der einen unabhängigen öffentlichen, mit europäischen, amerikanischen oder durch Crowdfunding zusammengetragenen Mitteln finanzierten Radiosender beherbergt. Dieser kann online gehört werden, wird aber auch einige Stunden, morgens und abends, auf der Frequenz des staatlichen Radios gesendet. In dem von Irina Slawinska geführten Interview geht es um Erinnerung.

    Die Erinnerung… Babyn Jar ist nicht wirklich im Zentrum, aber doch in der Stadt, man gelangt mit der Metro dorthin. Auf dem nackten, von Vertiefungen zerfurchten Gelände sind Gras und Bäume gewachsen. Denkmäler sind hervorgesprossen und ermahnen zur Erinnerung — einer zersplitterten Erinnerung. Es ist der Historiker Mykhaylo Tyahlyy, der uns durch dieses Gedenklabyrinth führt, ein Spezialist für die Geschichte der Roma.

    Es hat angefangen mit auf der Straße angeschlagenen Plakaten, durch welche die jüdischen Einwohner Kiews dazu aufgefordert wurden, sich zu einem Sammelplatz zu begeben. Von dort aus wurden sie direkt zu den Gräben geführt, dort wurden sie geschlagen, mussten sich ausziehen, dann wurden sie erschossen. Es ist der Tag des Jom-Kippur-Fests 1941. Mehr als 33 500 Erschossene in zwei Tagen. 100 000 Tote insgesamt — unter ihnen auch Widerstandskämpfer, Roma, sowjetische Kriegsgefangene, Insassen psychiatrischer Anstalten, Nationalisten. 1943, angesichts des Vormarschs der Roten Armee, zwingt die Wehrmacht Kriegsgefangene, die Leichen auszugraben und zu verbrennen. Die erste Gedenkfeier 1966 findet heimlich statt und ist der Erinnerung an die jüdischen Opfer gewidmet. Viktor Nekrassow, der 1959 einen Text veröffentlich hatte, in dem er ein Mahnmal für Babyn Jar forderte, wohnt der Zeremonie bei. Jewgeni Jewtuschenko hatte 1961 ein Gedicht geschrieben, das mit den Worten beginnt: „Über Babij Jar, da steht keinerlei Denkmal“. Heute gibt es ungefähr dreißig davon, das offizielle der Sowjetunion aus dem Jahr 1976 erinnert an die zivilen und militärischen Opfer, die von den deutschen Besatzern erschossen wurden — ohne jede Präzisierung. Die übrigen sind nach der Unabhängigkeit entstanden und gedenken der jüdischen Opfer, der Roma, der Kinder, der Insassen psychiatrischer Anstalten, der Priester, der Nationalisten … Nachdem wir über diese Nekropolis gelaufen sind, die Zersplitterung des Gedächtnisses betrachtet und gewisse Feindschaften wahrgenommen haben, ziehe ich es vor, zu Jewtuschenkos Gedicht zurückzukehren, das in Celans Übersetzung wie folgt weiter geht: „Ich bin alt heute / So alt wie das jüdische Volk“. Es ist, um mit Nekrassow zu sprechen, das einzige Denkmal eines gemeinsamen Gedächtnisses; die Literatur ermöglicht das.

  • Anne Weber

    Am Abend ist ein „Essen mit der ukrainischen Intelligenzija“ vorgesehen, d. h. mit Mark und Alla. (Hätte sie sich schon gedacht, dass die ukrainische Intelligenzija aus Mark und Alla besteht, sagt Cécile lachend.) Wir freuen uns, die beiden zu sehen. Ich schäme mich für meinen Appetit; die beiden essen nur sehr wenig und trinken nicht. Das Restaurant stellt eine höchst seltsame Mischung dar aus avantgardistisch und folkloristisch. Es liegt unweit des Maidan und scheint dem Kampf für Freiheit und Unabhängkeit gewidmet. Am Eingang müssen wir alle ein Passwort sagen, etwas wie „Wir kämpfen und wir werden siegen“, natürlich auf Ukrainisch. Unsere Begleiterin Halyna muss den Satz mehrmals wiederholen, vielleicht, weil ihre Aussprache zu russisch klingt. Bei uns Ausländern verzichtet man schließlich darauf, uns das Passwort abzuverlangen. Drinnen dann wie ein Hindernislauf, bis man endlich an seinen Tisch geführt wird. Vorletzte Etappe: Wir werden aufgefordert, uns an eine Bar-Theke zu setzen, auf der Cognac, Portwein, Aperitifgetränke für uns bereitzustehen scheinen, kaum aber sitzen wir, schiebt sich die Wand rechts neben uns weg und die Bank, auf der wir sitzen, setzt sich in Bewegung und transportiert uns geisterbahnartig ins Nebenzimmer. Wir sind dann die ersten, die am Tisch sitzen, und ich kann mir unmöglich vorzustellen, dass Mark und Alla gleich auf dieser Bank in den Raum schweben werden und tatsächlich tun sie es nicht, sie kommen ganz normal zu Fuß herein.

    Im späteren Verlauf des Abends erzählen wir von unserem Besuch in Babyn Jar. Mark erwähnt das Gedicht „Babyn Jar“ von Jewgenij Jewtuschenko aus dem Jahr 1961, das Paul Celan übersetzt hat. Mithilfe des Internets haben wir es in Sekundenschnelle vor Augen. Ich werde aufgefordert, es vorzulesen. Im Restaurantbetriebskrach und bei nervtötender Musik ertönt aus meinem Mund die Stimme des russischen Dichters und die Stimme Celans und ich spüre beim Lesen, wie die drei jüdischen Menschen, die mit mir am Tisch sitzen, meiner Stimme und in dieser den fernen toten Stimmen lauschen, und es kommt mir ungehörig vor, mich selbst diese Worte sagen zu hören, ich kann mich beim Lesen nicht von dem Gedanken befreien, wer ich selbst bin, dass ich hier als Nachfahrin deutscher Nazis sitze, aber ich spreche weiter, höre den Krach im Saal nicht mehr, sondern nur noch meine Stimme und die darin mitklingenden Stimmen, und beim Lesen weicht langsam der Gedanke an mich selbst und an meine Rolle, und das Gelesene füllt den Raum wie eine weithin hallende Grabrede, wie ein Gebet, und mir steigen Tränen in die Augen, meine Stimme wird unsicher, das Gedicht endet, Stille.

  • Anne Weber
    22.10.2017

    Man scheint hier eine andere Vorstellung davon zu haben, wie ein Museum auszusehen hat. Weder das Tschernobyl-Museum noch das World-War-II-Museum noch morgen das Bulgakow-Museum ähneln westeuropäischen Museen. Was ist anders? Statt der Präsentation von Exponaten gibt es hier eine Inszenierung, aber nicht im Sinne der uns bekannten, eher objektivistischen Szenographie; eher wirkt es, als hätten die sehr engagierten Leute, die die Führungen durch die Museen anbieten, sich den Parcours mit Liebe und großem Einsatz selbst ausgedacht und ihm einen bestimmen „höheren“ Sinn geben wollen. Bis dahin hatten mir diese ein wenig selbstgebastelt wirkenden Inszenierungen eher gut gefallen. Im Bulgakow-Haus ist es dann eine vielleicht fünfundsechzigjährige Komödiantin/Tragödin mit auffallendem, langem Klunkerschmuck um den Hals, die die Führung macht, und von der Cécile und Thorsten hinterher sagen werden, sie sei selbst wie eine Romanfigur, was sie aber nicht daran hindert, mir einigermaßen auf die Nerven zu gehen. Sie spricht englisch mit ungeheuer starkem Akzent, sodass ich nur ungefähr ein Zehntel ihrer Ausführungen verstehe, macht dabei ausladende, theatralische Gesten, die unsere Phantasie in Gang setzen sollen. In dem Haus, durch das wir spazieren, ist Bulgakows Roman Die weiße Garde angesiedelt, man geht also durch Bulgakows Wohnhaus und zugleich durch die Wohnung der Familie Turbin, die im Roman während des Bürgerkriegs hier lebt. Die Zimmertüren sind geschlossen und die Tragödin öffnet uns jeden neuen Raum mit geheimnisvollen, effekthascherischen Gebärden, als erwarte uns jedes Mal eine überwältigende Überraschung, und vielleicht könnte man sich tatsächlich in den Roman hineinphantasieren, wenn man nicht gebannt wäre vom Raunen und Gestikulieren dieser Bulgakow-Liebhaberin. In einem der Zimmer geht sie auf die Tür zum Nebenraum zu, als wollte sie sie öffnen, weicht dann aber wieder zurück und führt uns zu einem leeren Wandschrank, dessen Türen und, hinter diesen, dessen Rückwand sie öffnet, worauf sie uns einlädt, uns zu bücken und durch den Schrank ins Nebenzimmer zu gelangen. Was es mit dieser Schrankdurchquerung auf sich hat, ob sie in irgendeiner Weise mit dem Werk oder Leben Bulgakows in Verbindung zu setzen ist, habe ich nicht verstanden. Ganz am Ende der Führung werden wir aufgefordert, an einen großen Wandspiegel heranzutreten. Die Dame drückt auf einen Knopf und durch den Spiegel beginnen Lichter zu schwärmen, das Ganze soll offenbar das Delirium des verletzten und zudem schwer typhuskranken Alexei Turbin darstellen, und im Nachhinein kommt es mir so vor, als hätte die Dame geisterhaft die Arme dazu bewegt und eulenartige Rufe ausgestoßen, aber das war wohl nur das bisschen Phantasie, das mir nach dieser Führung noch geblieben ist.

  • Cécile Wajsbrot

    Mit Evgenia Molyar fahren wir durch Kiew — unter einem grauen, kalten Himmel, ein Vorgeschmack auf den Winter — auf der Suche nach sowjetischen Mosaiken, die sie zu bewahren sucht. Die sowjetische Kunst ist eine Persona non grata in der Ukraine. Die Künstler, die noch am Leben sind, trauen sich nicht, sich zu der Urheberschaft zu bekennen und eine Erhaltung ihrer Werke zu fordern. Man findet diese Werke jedoch: eine gerade noch davongekommene, aber hinter einem Gerüst verborgene Reiterstatue, hinter Aushängeschildern und Ladenfronten versteckte Mosaiken. Manche davon, auf Hausfassaden, sind unversehrt geblieben und deklinieren unter allen möglichen Formen — Verherrlichung der Arbeit, heldenhafte Aufmärsche in bunten, von der traditionellen Mosaikkunst übernommenen Farben — das Leben im Sozialismus. Doch Widerstand gegen die Dekommunisierungstendenz ist verpönt und Eugenia mangelt es an Mitteln, um ein Verzeichnis dieser Werke in Kiew und im ganzen Land zu erstellen. Ihre Führung endet an einem Gebäude, das die Form einer fliegenden Untertasse hat (Science Fiction war in der Sowjetzeit tatsächlich nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Architektur beliebt) und unerwarteterweise einen Saal mit perfekter Akustik birgt, inmitten eher unschöner Gebäude.

    Dann führt uns Halyna über den Baikowe-Friedhof, wo zahlreiche ukrainische Persönlichkeiten begraben liegen. Ein lutheranisches Tor, ein orthodoxes Tor — Zeichen einer einstigen Trennung. Im neueren Teil sind die Namen verschwunden, die im alten Teil noch zu lesen waren, aber hinter der kyrillischen Einförmigkeit verbergen sich die Familien Tetelbaum oder Schapiro. In den letzten Jahren sind wieder orthodoxe Kreuze aufgetaucht.

    Das Hauptkrematorium aus der Sowjet-Zeit auf dem Baikowe-Friedhof.
    © Anne Weber

    Danach ist der Bahnhof mit seinen kathedralenartigen Dimensionen von willkommener Lebendigkeit. Die Wartehallen sind luxuriös und ruhig, abseits der dichten Menge. Die elektronischen Anzeigetafeln ähneln denen von Flughäfen; ich denke an den Warschauer Bahnhof, wo 1990 nichts geschrieben stand und wo am Schalter Frauen saßen, die auf Anfrage in beeindruckender Geschwindigkeit Abfahrtszeiten heruntersagen konnten. Die Züge könnten noch aus dieser Zeit stammen.

    Alte Frau in der Wartehalle des Kiewer Hauptbahnhofs.
    © Anne Weber

  • Anne Weber

    Letztlich sind es die Menschen, mehr als Stadt und Landschaft, die ich mit mir heimtragen werde, es sind Nelia, Halyna, Polina, Mykhaylo Tyahlyy, ihre Freundlichkeit, ja, Freundschaftlichkeit und ihr Engagement, und es sind Alla und Mark, ja, ich glaube vor allen anderen ist es Mark, dessen von Schmerz und Lachen zerfurchtes, so liebenswertes Gesicht mir unvergesslich und unvergänglich scheint.

  • Cécile Wajsbrot

    Einiges habe ich nicht notiert — weder die Theatralik des Bulgakow-Museums noch die reichhaltigen Gespräche noch die Demonstranten und die nationalistischen Fahnen in der Nähe des Parlaments —, sondern lediglich die Form einer Stadt gestreift, die von einer glorreichen Vergangenheit träumt und heute von Gewalt heimgesucht wird und vor der eine ungewisse Zukunft liegt.

    Das Tagebuch von Cécile Wajsbrot hat Anne Weber aus dem Französischen übersetzt.

Portrait Anne Weber: © Tobias Bohm
Portrait Cécile Wajsbrot: © Valentyn Kuzan Photography