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Athen

Julia Schoch und Mathieu Larnaudie reisten im Mai 2018 nach Athen.
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  • Julia Schoch

    Warum?

    Wir wollen nicht schreiben. Klar, wir schieben unser Zögern auf die mangelnde Zeit, auf andere Projekte. In Wahrheit ist es ganz einfach: Wir wollen nicht schreiben über unseren Aufenthalt in der Stadt. Wir waren doch so gern dort. Wie haben wir die Dorade in der engen Gasse am Abend genossen, an allen Abenden!, den Bummel durch den dschungelartigen Stadtpark – immer im Kreis herum, die Tomate und die Gurke und die Olive, den Blick hinauf oder hinüber zur Akropolis (oder runter von ihr), die kühlen Museumsräume mit den ins Innere verlagerten Säulen, die enge Wendeltreppe in dem kleinen Hotel, so pariserisch!, unser Gespräch über das Verschwinden von Heimat, ohne dass man aus dem eigenen Land verjagt worden wäre, die tagelange Suche nach dem einzig richtigen Geschäft für die Sandalen des Poeten, unser Dasitzen am Gehweg, während wir auf die Miniaturpita warteten, die Gäbelchen und die Glaskaraffe im Straßenstaub, unser Gespräch über die verlassenen französischen Schulen aus der Kolonialzeit im heutigen Kambodscha, das Meer, schon morgens beim Frühstück hoch oben den Blick über die Dächer und wie schön, jemandem einfach hinterherlaufen zu können! Das ewige Gebot zur Selbstständigkeit lässt einen ganz vergessen, wie herrlich es ist, jemandem, der Bescheid weiß, einfach hinterhertrotten zu können – warum denn nicht? Alles war gut. Es begann ja schon damit, dass der Chauffeur einfach nur chauffierte anstatt ein Gespräch über Deutschland, Griechenland oder, Gott bewahre, die Europafrage anzuzetteln. Muss man dann also, fragen wir uns, schreibend etwas hinzufügen?

  • Mathieu Larnaudie

    Wir ?

    Und überhaupt, wer soll das sein, dieses „Wir“, das wir sein sollen? Welches „Wir“ sind wir, die wir uns in Athen unterhalb jenes Berges treffen, dessen Ruinenkranz üblicherweise als Beginn unserer Zivilisation angesehen wird? Ist es also das, was wir gemeinsam haben: diese Ruinen und die lange Geschichte, über die sie wachen? Ist es das, was wir gemeinsam haben: den Ort, wo die Dinge ihren Anfang nahmen? Wir kannten uns nicht, hatten keine Ahnung voneinander, und fanden uns plötzlich am Fuße unserer gemeinsamen Wiege wieder, sollten ein von Ruinen zusammengefügtes „Wir“ sein, ein improvisiertes „Wir“ im Namen der langen Geschichte, die wir teilen und deren Abkömmlinge wir sind, jeder auf seine Weise, jeder an seinem Ort, die eine im Osten, der andere eher im Westen. Hier sind wir angetreten als beliebige Atome einer über einen ganzen Kontinent verstreuten Zivilisation, stehen vor dem vermutlichen Ursprung dessen, was uns eint. Aber können wir sicher sein, dass es wirklich das ist, was uns eint: ein Ursprung? Wie dem auch sei: Wir sind um die Ruinen herum und durch sie hindurchgelaufen. Und schon sind wir, ob wir es wollen oder nicht, dieses „Wir“.

  • Julia Schoch

    Heimisch

    In einem Land mit vielen Göttern fühlt man sich sofort aufgehoben. In so einem Land, dachte wenigstens einer von uns, kann es nicht um Vorschriften und Maßregelung gehen. Eher geht es darum, an welchem Tag welches Fest zu wessen Ehren gefeiert wird. Auf eine gewisse Weise ist einem das alte Griechenland beinahe vertrauter als das heutige. Lag man nicht schon als Kind lesend und spintisierend ständig mit den alten Griechen im Bett? Nachdem wir all die Geschichten über Helden, Götter, Rache und Gerechtigkeit gelesen hatten, fragten wir uns, wie eigentlich der Bruch zwischen der Alten und der Neuen Zeit genau vonstattengeht, einer Alten und einer Neuen Welt. Ab wann ist etwas, das bis eben zur Wirklichkeit gehört hat, einfach nur noch eine Sage? Wann hört das eine auf und etwas anderes fängt an? Spüren die Menschen den Übergang? Spüren sie, dass etwas Neues angebrochen ist? Und wann genau hat auch der Allerletzte die Statuen nur wie Kunstobjekte angesehen anstatt ganz natürlich zu ihnen zu sprechen oder noch irgendein Wunder von ihnen zu erwarten?

  • Mathieu Larnaudie

    Das

    Man hebt den Blick und sagt sich: Hier ist es, das ist es also. Es gibt Orte und Monumente auf dieser Welt, von denen wir schon so viele Bilder gesehen haben, dass sie bereits zu unserem geistigen Repertoire gehören. Sie sind Bezugspunkte, Symbole; ihr Bild hat sich uns eingeprägt; wir kennen sie so gut, dass man fast an ihrer Existenz zweifeln könnte. Wir haben uns geschworen, eines Tages dorthin zu reisen, bevor wird sterben; wir haben uns geschworen, sie uns mit eigenen Augen anzusehen, uns ein Bild von ihnen ohne die Vermittlung durch ein Bild zu machen. Wenn man den Parthenon vor sich hat, beginnt also eine Art kaum bewusster Wahrnehmungsübung, man bemüht sich, alles zu vergessen, was man weiß, was man schon gesehen hat und versucht, das Gebäude zu erfassen, wie es „eigentlich“ ist. Als müsste ein solches Monument, will man es unmittelbar und körperlich erfahren, zunächst von den Schichten aus Darstellungen, Bildern und Erinnerungen an Bildern gereinigt werden, die es überziehen und verbergen. Hat man jedoch diese kulturelle Oberfläche abgetragen, sieht man nichts, man sieht noch mehr nichts: Die Ansammlung von herabgestürzten Steinen, von in alle Himmelsrichtungen offenen Säulenhallen ist nicht lesbar, ist bloße Anwesenheit von Materie ohne historische Bedeutung. Glücklicherweise werden wir von einer amerikanischen Archäologin begleitet, sie rückt die Steine in der Zeit wieder zurecht, verleiht ihnen da, wo zuvor nur Täuschung und falsche Vorstellungen erlaubt waren, einen neuen Sinn, eine neue Projektionsfläche, eine neue Realität– sofern man ein auf die Vergangenheit gerichtetes Wissen Realität nennen kann. Aber wir wissen, dass auch diese Realität lückenhaft ist, unsicher, instabil, zerbrechlich, mit Vorsicht zu genießen. Die Recherchen dauern an; es ist nie ausgeschlossen, dass neue Ausgrabungen, Studien, Erkenntnisse auch neue Hypothesen hervorbringen und die bisherigen außer Kraft setzen. Bis dahin müssen wir uns mit dem, was wir sehen, zufrieden geben.

  • Julia Schoch

    Eine gewisse Unruhe

    Mindestens einer von uns hat sich natürlich die Frage gestellt, ob wir denn als Vertreter des westlichen europäischen Auslands, der europäischen Großmächte hier überhaupt sicher sind… Man hat ja schon einiges gehört! Verschämt ließ man die Reiselektüre: Grexit – Was uns die Griechenland-Lüge kostet gut verstaut im Koffer zurück. Fast erleichtert hörten wir, dass sich die Wut der Griechen inzwischen eher gegen die eigene Regierung richtet. Tatsächlich waren ganz in der Nähe skandierende Demonstranten zu hören. Wenn der Staat nichts mehr tut, werden die Menschen wach, erzählt man uns. Ganze Krankenhäuser funktionieren inzwischen ehrenamtlich, nur auf der Grundlage des Engagements einzelner Bürger. Muss man sich also ein solches Gewecktwerden wünschen?

  • Mathieu Larnaudie

    Zweifel

    Es stimmt schon, dass es nicht gerade angenehm ist, mit unserem quasi auf die Brust gehefteten „Europa-Abzeichen“ hier anzureisen. Vermutlich fühlen wir uns als Europäer schuldig, fühlen uns verantwortlich für die Lage, in der sich Griechenland befindet. Merkwürdig, wenn man plötzlich das Gefühl hat, zu unfreiwilligen Vertretern einer Politik erklärt zu werden, die wir doch ganz und gar ablehnen. Die Armut, der desolate Zustand der öffentlichen Hand sind die Folgen der europäischen Strafmaßnahmen angesichts der griechischen Staatsschulden, wir wissen das und sind absolut dagegen. Wie kann man dieses lästige Schuldgefühl loswerden? Werden wir nicht gegen unseren Willen und trotz allem, was wir ansonsten sind, tun, schreiben, auf unsere nationale Zugehörigkeit zurückgeworfen und sind in den Augen der Griechen somit Vertreter von Regierungen, die in unseren Ländern zwar gewählt wurden, aber nicht von uns? Vor euch würde ich gerne verkünden: Aus diesem Europa stamme ich nicht.

  • Julia Schoch

    Agoraphobie

    Beim Warten im Gedränge vor der Akropolis kommen wir auf das Thema Agoraphobie. Der eine kennt das Wort ausschließlich als Angst vor großen Menschenansammlungen, die andere auch als Angst vor dem Durch- oder Überqueren extrem großer Räume oder Plätze, auf denen sich gerade keine Menschen befinden, wie zum Beispiel das Weltall. Freude, dass wir beide dasselbe Wort benutzen können, um unsere Angst zu bezeichnen, die dann trotzdem jeweils das Gegenteil der Angst des anderen ist.

  • Mathieu Larnaudie

    Andere Menschenmengen

    Mindestens einer von uns begibt sich auf den Syntagma-Platz, vor das Parlament, und denkt natürlich an die Ereignisse, die sich vor kurzem hier abgespielt haben – als der Platz besetzt war, aufgeteilt zwischen nationalistischen Demonstranten einerseits und anarchistischen und antikapitalistischen protestierenden Gruppen anderseits. Nebeneinander, nicht zusammen, und doch mit der gleichen Wut, der gleichen Verärgerung über die politische und wirtschaftliche Ordnung Europas, über das eiserne Regime, das den Bevölkerungen auferlegt wird – die gleiche Wut kann, wie wir wissen, gegensätzliche Formen der Mobilisierung und des Protestes hervorrufen. Man sucht nach den wenigen Spuren dieser Besetzung, von der schon fast nichts mehr zu sehen ist; sie sind weniger widerstandsfähig als die dort oben herrschenden Ruinen. Sogar die 1.Mai-Demonstrationen, die sich am Morgen noch dort versammelt hatten, haben nichts hinterlassen, was an sie erinnern könnte. Nur wenige Stunden später sind sie unsichtbar, nicht mehr zu greifen. Und natürlich ist der Gedanke verlockend, dass hier, in unmittelbarer Nähe der Ruinen, wo die meisten der Worte erfunden wurden, die bis heute unsere Lebensweise und unser Nachdenken über Politik prägen, demokratische Aufstände einen besonderen Charakter haben müssen, eine größere Intensität, eine besondere Schwingung oder Bedeutung. Im Moment bleibt allerdings nichts übrig von der Menschenmenge.

  • Julia Schoch

    Die Perser

    Immer sind die Perser dagewesen. Man steht irgendwo, und eigentlich steht man bereits auf einer Steineansammlung, die die Perser dort aufgetürmt haben. Kaum kommen die Perser, schon entsteht ein neues Muster in der Landschaft. All das, worüber wir sprechen, existiert eigentlich nicht mehr in der Form. Die Perser haben es immer schon überformt. Ganz zu schweigen von den tausenden von Jahren, die nach den Persern ins Land gingen. So reden wir oft über das, was wir uns weitestgehend vorstellen müssen. Die Schichten unter uns. Was dringt aus diesen Schichten noch herauf? Welches geschichtliche Unkraut sprießt durch, was verschwindet – und was bloß dem Blick? Dass der ehemalige Palast der Republik in Ostberlin verschwunden ist, geht nicht auf die Kappe der Perser. Sein Anblick im Rückbau, wie er noch vor kurzem dastand, das Stahlgerüst und seine Innereien herzeigend, beschäftigt den anderen von uns beiden. Obwohl es erst ein paar Jahre her ist, kommt einem dieses Verschwinden viel endgültiger und grundsätzlicher vor als beispielsweise das Verschwinden des Dorfes mit Häusern, Ställen und Tavernen, das noch bis vor kurzem (vor rund 150 Jahren) auf der Akropolis existiert hat.

  • Mathieu Larnaudie

    Metamorphosen

    Warum suchen wir immer nach dem Ursprung der Dinge? Ist unsere Zivilisation sich ihrer Zerbrechlichkeit, ihres nahendes Endes so sehr bewusst, dass sie von der Frage nach ihrer Geburt besessen ist? Und beschäftigt sie sich vielleicht nur deshalb mit den Orten und Bedingungen ihrer Geburt, um daraus eine Identität zu ziehen, will heißen, einen unveränderbaren, unverletzbaren, unbestreitbaren und festen Kern? Und warum sollte der Ursprung der Dinge wahrer, realer und authentischer sein als die verschlungenen Entwicklungswege durch Jahrtausende hindurch, die vielfältigen Metamorphosen, die sich im Laufe der Zeit vollzogen haben? Warum sollte das, was sich verändert, weniger wahr sein als das, was feststeht?

  • Julia Schoch

    Flügel

    Drei Dinge, lernen wir, haben in Griechenland Flügel: der Sieg, der Schlaf, und das Begehren. Lächelnd nehmen wir diese Information zur Kenntnis, als wäre uns das Geheimnis der Welt offenbart worden. Natürlich, kein Zweifel! Endlich wird uns etwas klar. Die wichtigen Auskünfte, so lange vorenthalten, kommen beiläufig. Eigentlich könnten wir jetzt gehen, wir wissen ALLES.

  • Mathieu Larnaudie

    Einheimisch

    Mindestens einer von uns fragt sich, was die Griechen, die abseits der touristischen Zentren jeden Tag durch die Straßen ihrer Stadt unterwegs sind, wohl über die Ruinen denken, die über der Stadt prangen. Gibt es – jenseits banaler Alltagsbeschäftigungen, konkreter Gedanken, Sorgen und Freuden – einen Winkel ihres Gehirns, einen Platz (ein Bewusstseinsfragment), der den Ruinen vorbehalten ist, die diese Stadt prägen? Gehen sie daran vorbei oder durch sie hindurch, ohne sie wahrzunehmen, als hätten diese alten Steine mit ihrem Leben nichts zu tun, als wären sie einfach nur Steinblöcke eines kulturellen Erbes, die nicht mehr in die Gegenwart ausstrahlen, oder höchstens Werbezwecken dienen und nichts weiter als Rohstoff einer wirtschaftlichen Ressource sind? Haben sie es satt, in einer Stadt zu leben, die von Ruinen regelrecht aufgefressen wird und einer glorreichen Vergangenheit unterworfen ist, der sie lediglich als schmucker Behälter dient? Oder fühlen sie sich immer noch von der Erinnerung und der Art zu denken durchdrungen, die dort ihren Anfang nahm? Vernehmen sie im Klang ihrer individuellen Stimmen den Nachhall der alten Stimmen, die weiter erklingen?

  • Julia Schoch

    Leiser Neid

    Es gibt ein Viertel in Athen, das seit über einem Jahrzehnt autonom ist. Jede Woche, wird uns berichtet, kommt es zu Schlachten zwischen der Polizei und den Besetzern. Wer dort eine der unteren Etagen der Häuser bewohnt, kann seinen Balkon kaum nutzen. Schwaden von Tränengas treiben fast täglich durch die Luft. Der Besucher staunt. So viele Jahre schon, ein und derselbe Zustand, nicht bloß der kleine neckische Versuch einer Revolte, und das dort drüben ist die besetzte Juristische Fakultät? Ein Gebäude, das ähnlich einer Wagenburg über und über mit Marx-Bildern und Spruchbändern behangen ist. Eine Mischung aus Neid und Schuld. Was für eine Energie. Aber wahrscheinlich liegen die Dinge anders als man glaubt. Wie wenig wir wissen.

  • Mathieu Larnaudie

    Exarchia

    Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass wir uns in Exarchia mehr als in den anderen Stadtvierteln zu Hause fühlen. Hier erinnern uns die vollgeklebten Wände, die Bücher in den Antiquariaten in Kellergeschossen, die Cafés und Plakate, das Graffiti und die Gesichter an das, was wir aus Berlin und Paris kennen: Sie sind Teil einer internationalen Protestsprache, deren Vokabular und Ikonographie trotz lokaler Eigenheiten vielen Ländern gemeinsam sind. Sie erinnern uns auch daran, dass wir gemeinsam haben können, was wir verweigern.

  • Julia Schoch

    Brunnen

    Uns wird ein Brunnen in einem Privathaus angekündigt. Ein Brunnen? Sogleich stellen wir uns orientalische Gemächer vor, sprudelnde Fontänen. Der kleine Eingangsflur in der Wohnung der Künstlerin Chrysanne Stathacos ist kühl. Tatsächlich befindet sich ein Brunnen dort. Es ist ein kleiner Steinkreis, auf dem ein schwerer Deckel aus Marmor liegt. So wird er als Tisch für ihre künstlerischen Objekte genutzt. Diese Objekte, Briefe, Textilien, Fotos, ein Handschuh, Erinnerungsboxen entstammen der Familiengeschichte und sind im ganzen Appartement verstreut, das zumindest einem von uns (vom Ouzo geschwächt) labyrinthischer vorkommt als es in Wahrheit ist. Vielleicht liegt es aber auch an der Geschichte von Chrysanne Stathacos‘ Familie, die sehr weit verzweigt ist. Versprengt über den halben Erdball. Als die Nazis vor über siebzig Jahren in das Haus eindrangen, die darin Wohnenden verjagten, um sich selbst darin breit zu machen, wurde der Brunnen noch genutzt. Jahre später konnte die Familie das Haus wieder in Besitz nehmen, da war er versiegelt. Bei aller Neugier hatte man Angst, ihn zu öffnen, wenn sich nun etwas Unerwartetes darin fand – Geld, ein verbotener Schatz, gar eine Leiche? Warum sonst sollten die Deutschen einen Brunnen versiegeln? Schließlich öffnete man ihn. Wie sich herausstellte, war nichts darin.

  • Mathieu Larnaudie

    Hügel

    Ein steiler Pfad, in die Haut des Lykabettus geritzt, schlängelt sich zwischen den Bäumen zum Kloster. Einer von uns schwitzt erbärmlich, als wir unter der gnadenlosen Sonne den Gipfel des Bergs ohne eine Pause einzulegen erklimmen. Nicht der Berg mit den stattlichen Ruinen, obgleich der höher ist als dieser. Von hier oben aus sieht man, wie die Stadt sich in alle Richtungen ausbreitet wie ein weißer, vom Licht erdrückter See. Er erstreckt sich vom Hafen von Piräus – der ganz nah erscheint, wie auf den blauen Rand des Meeres gelegt, ich kann den Fähranleger erkennen, der mich oft nach Patmos bringt – bis zu den Vororten, die sich zwischen anderen Hügeln im Landesinneren verlieren. Die Bereiche mit den Ruinen wirken wie Löcher im Stadtgewebe; die Tribüne des Olympiastadions reckt ihre Spindeln in die Bäume, die sie säumen. In der Ferne Berge, die wie geschält wirken, entblößt vor Trockenheit. Sie liegen am Rande der Stadt, und doch kleben an ihren Flanken keine Häuser, als hätte die Immobilienwirtschaft vergessen, diese steilen Hänge zu kolonisieren. Hier oben, wo der Blick in alle Himmelsrichtungen über die Landschaft schweifen kann, empfindet man eher Beengung als Unermesslichkeit: Die Stadt scheint von ihren natürlichen, geologischen Grenzen in Schach gehalten zu werden, überschreitet sie nirgendwo, oder nur dort, wo sie in ein paar wenige Ritzen in die Berge vordringt. Sie wird von ihren Grenzen zusammengepresst. Nur an der Hafenseite verlängert das Meer sie ins Unendliche.

  • Julia Schoch

    Optische Täuschung

    Die massiven Säulen des Hauptgebäudes auf der Akropolis sind alle schief und unförmig gebaut. Sie sind unten schlanker als in der Mitte, bevor sie nach der Höhe hin wieder schlanker werden. Man kann es nicht sehen. Was man sieht, ist: unendlich viele gleichmäßige Säulen, die wie die riesigen Staketen eines Zauns oder Käfig den gigantischen Palast bilden. Es handelt sich um einen architektonischen Trick. Die Erbauer wussten um die Trägheit des menschlichen Auges, unsere mangelhafte Ausstattung. Ergo wussten sie auch um die wichtigste Regel im Leben eines Künstlers: Du musst es unperfekt machen, damit es perfekt wirkt.

  • Mathieu Larnaudie

    Logik

    Ergo, also wussten sie auch um die wichtigste Regel im Leben eines Künstlers. Also, ein unscheinbares Wort, banal, universell. Man überliest es leicht. Und doch hat dieses also, dieses donc, Jean-Luc Godard zu einem seiner pataphysikalisch-ernsten Witze inspiriert, die er so oft und gerne macht: Er schlug vor, für jede Benutzung des Wortes donc eine Gebühr zu erheben, dann wären die griechischen Schulden schnell zurückgezahlt. Schließlich hätten wir diese logische Konjunktion von den Griechen geerbt. Die alten Griechen haben die Logik erfunden, und also das Wort also, wir sollten ihnen also, jedes Mal, dass wir also verwenden, Tantieme zahlen. Und schon würde sich die griechischen Schulden in Luft auflösen. Weil wir es in Wirklichkeit sind, die den Griechen etwas schulden.

  • Julia Schoch

    Glück

    Nicht auszudenken, wenn das hier unsere erste und letzte Athenreise wäre! Eine Jahrhundertreise! Wenn man davon ausgehen müsste, dass eine Fahrt hierher einzigartig, nicht wiederholbar wäre. Unwillkürlich denkt man an „Kassandra“ und ihre Autorin – einmal nach Griechenland! – und wie man gleich ein Buch daraus machen müsste, um diesem Luxus gerecht zu werden. Wir aber können aufatmen, wir müssen nicht sofort ein Muster in allem entdecken, müssen niemanden schreibend erwecken, keinen fünfzigseitigen Briefaustausch zuwege bringen. Nicht mal ein Foto haben wir gemacht, noch dazu ganz ohne es zu erwähnen.

  • Mathieu Larnaudie

    Markthalle

    Das Wasser pulsiert an diesem Nachmittag aus den Gummischläuchen auf die Fliesen. Die Athener sind längst nach Hause gegangen. Um diese Uhrzeit herrscht in der Markthalle von Athen, die eine Mischung aus venezianischem Fischmarkt, barcelonischer Boqueria und orientalischem Basar ist, eine Endspiel-Stimmung. Arbeiter in großen, wasserabweisenden Schürzen und Latexhandschuhen, die Haare unter einer Plastikhaube verborgen, reinigen die Halle, ohne denjenigen von uns eines Blickes zu würdigen, der unter den Arkaden und hohen gewölbten Decken umherspaziert. Einige Stände schließen gerade erst: Der Geruch von Meeresfrüchten schwebt noch in der Luft, vermischt sich mit dem der Reinigungsmittel, mit denen die Behälter gescheuert, der Boden geschrubbt wird. Das Viertel, in dem die Markthalle gelegen ist, ist eines der ärmsten Viertel; man spürt und sieht die Armut sofort. Ein Durcheinander magerer Körper auf den Bürgersteigen, die nach Crack und Elend riechen – in den engen Gassen des Viertels ist die Not der Athener offensichtlich. Wir waren auf sie vorbereitet, von den eher touristischen Ecken wird sie jedoch sorgfältig ferngehalten. Morgens ist der überdachte Markt eine Insel der Fülle, die der benachbarten Armut spottet. Am Abend scheint es, als würde die Trostlosigkeit der Umgebung sich in dem von seiner Ware und seinen Besuchern geleerte Gebäude ausbreiten.

  • Julia Schoch

    Trii Art Hub

    Bei der Veranstaltung im Trii Art Hub blickt mit einemmal Thorstens Katze aus dem Bildschirm heraus. Blinki zwinkert zweimal, während ich versuche, das flauschige Wesen zu ignorieren und getrost weiterzulesen. Die ganze europäische Frage lastet auf unseren Schultern, zum Glück nicht auf meinen allein, den Schultern von fünf Autoren und zwei Übersetzern. Unsere Diskussion ist naturgemäß ein wildes Stimmengewirr. Am wildesten ruft ein Grieche, was wir vollkommen in der Ordnung finden. Die beiden Moderatoren brechen ab. Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist, heißt es nicht so? Über die Gläser hinweg scheint es dann plötzlich ganz einfach: Die europäische Kultur existiert schon viel länger als die europäische Politik. Hält nicht sie das ganze zerschossene Gebilde noch zusammen? Ja. Nein. Ja. Wir greifen nochmals nach dem Wein, zeigen uns versöhnt, aber natürlich nur leicht! Wie einem jedes Mal schwindlig wird von Halbgemeintem.

  • Mathieu Larnaudie

    Blicke

    Wir gehen tastend durch die Stadt, wie wir tastend durch diesen Text gehen, der dieses „Wir“ auf sich nehmen muss, das wir in Athen waren. So wenige Tage, um diesen riesigen, reichen, vielschichtigen Ort zu begreifen: vergeblich, das wissen wir nur zu gut. Wir flanieren. Konzentrieren uns auf Kleinigkeiten. Lassen den Blick schweifen. Denken, dass wir wiederkommen müssen. Wir können nur die Erfahrung des ersten Blicks wiedergeben, mehr nicht.

  • Julia Schoch

    Modell

    Wo jetzt Olivenbäume stehen und Eidechsen auf heißen Steinen brüten, war mal das Zentrum der Stadt. An den Umrissen im Boden kann man sie noch erkennen, die Tempel und Gebäude, die befestigten Straßen, der Redeplatz. Unsichtbare Mauern, überwuchert von verbranntem Gras. Wie schön und genau das Modell ist, das man in einem Schaukasten in den schattigkühlen Arkaden betrachten kann. Europäer sein heißt, seinem Mann, seiner Frau oder den Kindern erklären zu können, was Europa ist, was es soll. Man kann sein Land nie verlassen und trotzdem Europäer sein.

  • Mathieu Larnaudie

    Agora

    An einer Seite der Agora liegt ein Quader aus Marmor auf dem Boden, kaum höher als die Bürgersteige von Paris oder Berlin, aber heller, auf einem mit verdorrtem Gras durchsetztem Felsbett, in der Mitte eines von einem unauffälligen Mäuerchens umrandeten Vierecks. Darauf kann man lesen: Speaker’s platform. Hier standen die Redner, wenn sie sich an ihre Mitbürger wandten. Wir befinden uns am Nullpunkt der Demokratie. Es bedarf einiger Vorstellungskraft, um sich auszumalen, was hier stattgefunden haben mag. Und man sagt sich, dass Demokratie vielleicht vor allem eines ist: Vorstellungskraft.

  • Julia Schoch

    Ganz oben auf einer Dachterrasse und trotzdem noch unterhalb der Akropolis

    Über Fleisch und Salat hinweg reden wir über die Möglichkeit, heutzutage ernsthaft Panegyrik zu verfassen. Ein Lob auf einen Herrscher, eine Herrscherin! Ein Reigen an Huldigungen an europäische Staatsmänner und –frauen? Sofort verfallen alle in Lachen. Wie sehr die Ironie uns im Griff hat. Das macht uns gleichzeitig düster, ja traurig. Wie es wohl wäre, wenn man einem Politiker aus ganzem Herzen anhängen könnte? Zu jemandem, der die Macht hat, aufzuschauen, ihn zu unterstützen, ihn zu lobpreisen!  In was für einer elenden Zeit wir leben, denkt einer von uns. Wo wir beinahe per definitionem zu kritischer Distanz verdonnert sind, zu ewig ketzerischem Gelächter, unser lächerliches Gestrampel.

  • Mathieu Larnaudie

    Paradoxien

    Na gut, sprechen wir eben über Europa, wenn wir schon deswegen hier sind. Oberhalb von uns gehen jetzt die Lichter in den Ruinen an, und die goldenen Steine des Parthenon leuchten in der aufkommenden Dämmerung. Wenn es stimmt, dass sich hier, um uns herum, diese ganze Geschichte zugetragen hat, und dass das, was wir „Europa“ nennen, nicht nur (wie wir noch glauben und hoffen) ein Wirtschaftsraum oder eine Verwaltungseinheit (eine „Autorität“) ist, sondern ein ständig in der Veränderung befindlicher kultureller und politischer Raum, den wir an diesem Ort und vor allem darüber hinaus gemeinsam haben, dann werden wir dem Europäer-Sein (dem „Wir“, das wir hier sein sollen) nur dann eine Bedeutung beimessen können, wenn wir die heute gängige, institutionelle Definition von Europa umdeuten. Und einer von uns, mit einem Sinn für Paradoxien und einem etwas verqueren Geist, sagt sich: Wir sind nur dann Europäer, wenn wir nicht Europäer sind. Ach, übrigens ist „Paradoxie“ ein griechisches Wort.

  • Julia Schoch

    Das Wasser von Delphi

    Auf dem Flughafen gilt es, die Handtasche zu öffnen, da ist noch irgendeine Flüssigkeit drin – some liquid –? Tatsächlich, es handelt sich um eine kleine Glasflasche, ein Geschenk, darin ein Schluck Wasser aus der Wahrheitsquelle von Delphi. Das ist Wasser aus Delphi, sagt die eine von uns schuldbewusst. Der Beamte wirft einen kurzen Blick darauf und sagt, Wasser aus Delphi?, kein Problem, das ist viel zu wenig, vollkommen bedeutungslos, das.

    Die Texte von Julia Schoch übersetzte Stéphanie Lux ins Französische, die Texte von Mathieu Larnaudie übertug Odile Kennel ins Deutsche.

Portraits Julia Schoch & Mathieu Larnaudie: © privat
Übersetzung FR → DE: Odile Kennel, Traduction DE → FR: Stéphanie Lux